Reisen mit Silber

Travel, in the younger sort, is a part of education, in the elder, a part of experience | Francis Bacon, The Essays – Of Travel (1625)

Das Reisen ist eine beliebte Aktivität des Menschen. Durch die Epochen hinweg nahm das Reisen unterschiedliche Dimensionen ein. Das eingangs erwähnte Zitat von Francis Bacon verdeutlicht beispielsweise das Verständnis des Menschen des frühen 17. Jahrhunderts, dass das Reisen sehr wichtig für das Leben eines Mannes ist, insbesondere für seine Bildung und seine gesamte Erfahrung. Reisen war immer Bestandteil des Lebens, beispielsweise aus wirtschaftlichen Gründen (z.B. Handel treibend); dem Kriege zum Zwecke; wegen Eroberungen (z.B. Gründung von Kolonien); oder aus religiösen Gründen (z.B. Pilgerreisen).

Historischer Hintergrund des Reisens

Sehr viele Objekte der Tisch- und materiellen Kultur sind oft Symbole der Erfahrungen und Erlebnissen eines verreisten Menschen der Renaissance und des frühen 17. Jahrhunderts. So wurden beispielsweise repräsentative Trinkgefässe hergestellt aus exotischen Materialien wie die Kokosnuss und die Schale des Nautilus. Andere Objekte der Tafelkultur mit repräsentativer und symbolischer Funktion sind Trinkgefäße aus Silber in Form eines Schiffes. Diese wurden seit dem Mittelalter hergestellt und stellten unter anderem ideale und künstlerische Bilder des Reisens dar. Durch den intensivierten Handel mit Asien, Afrika und anderen Regionen etablierte sich das Reisen im 17. Jahrhundert. Auswirkungen auf die Ernährung in Europa – wie z.B. der regelmäßige Konsum von Kaffee und Tee – spiegeln die Konsequenzen von Reisen auf unterschiedlichen Lebensaspekten wider.

Eine neue Ära für das Reisen begann im 18. Jahrhundert. Während der europäischen Aufklärung wurde das Reisen auch eine sehr wichtige Aktivität für junge Erwachsenen aus adligen Familien. Diese Reisen wurden insbesondere mit intellektuellen, kulturellen, künstlerischen und wissenschaftlichen Interessen verbunden. Jeder junge Mann – und manchmal auch Frau (vgl. dazu Lady Mary Wortley Montagu) – sollte Orte wie Italien oder sogar Griechenland und andere Städte des Osmanisches Reiches besuchen. Auf dieser sogenannten „Grand Tour“ wurden interessante europäische Städte, vor allem als Endziel meist Italien und überdies, besucht. Diese Tätigkeit ist sowohl mit der Entwicklung moderner, wissenschaftlichen Disziplinen wie der Archäologie und der Kunstgeschichte im Zusammenhang zu betrachten als auch mit der Suche nach den Ursprüngen der westlichen Zivilisation.

Im 19. Jahrhundert gab es eine wachsende Produktion von Büchern mit Empfehlungen und Ratschlägen, wie man komfortabel und sicher reisen kann. Diese sagen aus, wie modisch die Grand Tour zu diesem Zeitpunkt noch war. Diese Beliebtheit ist noch besser zu verstehen, wenn man die Entwicklung der Transportmittel bedenkt. Eines dieser Bücher über das Reisen ist ein Handbuch für den Reisenden von William Kitchiner, circa 1828 veröffentlicht (3. Auflage), mit dem Titel Traveller’s Oracle or Maxims for Locomotion [Sichere Informationsressourcen oder Leitfaden für die Fortbewegung]. Der Autor empfiehlt darin unter anderem dem Reisenden ein Essbesteck mitzuführen. Er bezeichnet dies als ein beträchtlicher Komfort („no small comfort“; Kitchiner 1828, p. 71), eine Deklaration, die viel Bedeutung für die Konditionen in Esslokalen in Großbritannien und Europa im frühen 19. Jahrhundert hat.

All diese Informationen sind vom besonderen Interesse für die Zusammenhänge zwischen Silber, Silberprodukten und dem Reisen. Die Verbindungen sind vielleicht nicht sofort erkennbar, zumal kann die Bezeichnung von Objekten wie „Reisekoffer“ manchmal irreführend sein. Daher ist der Zweck des vorliegenden Artikels, Aspekte der Verbindungen zwischen Silber und Reisen besser aufzuklären.

Reisen und Reisekoffer

Im Mittelpunkt steht hier dieses komplexe Objekt der Frühmodernen, welches „Reisekoffer“ oder „Etui“ oder auch „Koffer“ genannt wird. Damit ist ein Behältnis gemeint, welches transportiert werden kann und dessen Inhalt notwendige, funktionale Objekte für das Reisen darstellen (die „Notwendigen“ oder „nécessaires“ auf Französisch). Diese Gegenstände wurden aus wertvollem Material wie Silber, Gold, Porzellan und Glas hergestellt. Reisekoffer, auch wenn sie schon früher bekannt sind, spiegeln vor allem die kommerziellen und sozialen Gewohnheiten des 18. Jahrhunderts wider. Die Popularität der Grand Tour innerhalb der privilegierten und adligen Klasse aber auch die zunehmenden Reisen aus diplomatischen und militärischen Gründen haben dazu beigetragen, dass die Nachfrage nach Reisekoffern stieg. Darüber hinaus wurden solche Koffer öfters verschenkt – vom Mann zur Frau und umgekehrt. Reisekoffer sind also mehr Zeugen der prächtigen Lebensweise im 18. Jahrhundert als Objekte, die tatsächlich benutzt wurden.

Reiseservices – auf Französisch „nécessaire der voyage“ – haben eine lange Geschichte in Europa und insbesondere in Frankreich. In schriftlichen Quellen werden sie seit dem späten 14. Jahrhundert erwähnt (so z.B. in Douët-D’Arcq (publ. pour la Société de l’histoire de France), Nouveau Récueil de Comptes de l’Argenterie des Rois de France, Paris: Librairie Renouard, 1874). Im 16. Jahrhundert besaß der Ritterkönig Franz I. (1494-1547) einen Reisekoffer von herausragender Qualität. Der verwendete Name für solche Objekte auf Französisch war ursprünglich „étui“. Seit dem 17. Jahrhundert wird der Name „cassette“ [Kästchen/Schatulle] benutzt. Der Name „nécessaire“ erschien im frühen 18. Jahrhundert (so in einem Brief von 1718 der Herzogin von Orléans).

Die Bezeichnung „nécessaire de voyage“ etablierte sich dann im frühen 18. Jahrhundert, als die eigentliche Verbreitung solcher Objekte an Bedeutung gewann. Der Schriftsteller Beaumarchais erwähnt sogar einen Koffer in seinem Schauspiel Der Barbier von Sevilla (1775): “Bartolo, criant: Qu’est-ce aue j’entends donc? Le cruel barbier aura tout laisse tomber par l’escalier, et les plus belles pièces de mon nécessaire !…“ (3. Akt, Szene 5).

Diese Koffer wurden für Kaffee-, Tee- und Schokoladenservices hergestellt, die man auf der Reise mitnahm und auch benutzte. Dennoch wurden sie in zeitgenössischen Lexika unter der Kategorie „Möbel“ („meubles“) beschrieben. Ihre zunehmende Beliebtheit während des 18. Jahrhunderts hat allerdings dazu beigetragen, dass sie für weitere Zwecke hergestellt werden. Allmählich hat man Reisekoffer für Toiletten-, Schreib- und Essgarnituren in grösserer Anzahl produziert. Die Händler haben sie in Fülle angeboten und verkauft.

Ein Koffer für das Mundzeug präsentiert von Helga Matzke, für die Philippine August Amalie, Landgräfin von Hessen-Kassel, geb. Prinzessin von Preußen aus der Nebenlinie Brandenburg-Schwedt (1745-1800), zeugt die noch immer große Attraktivität solcher Gegenstände im 19. Jahrhundert.

Mundzeug, Helga Matzke Kunsthandel

Die drei Hauptfunktionen

Drei Hauptfunktionen kann man den Reisekoffern zuschreiben: Portabilität, Repräsentation und Gabe. Die Portabilität wird insbesondere im 19. Jahrhundert gelobt (s. dazu Kitchiner 1828, S. 100-1) aber sie ist ein Merkmal, welches schon im Mittelalter definiert wurde. Während dieses Zeitalters war man gewöhnt, Haushaltswaren in Kisten aufzubewahren. Diese konnte man einfach auf Reisen mitnehmen (s. dazu in den Sammlungen des Metropolitan Museums, New York). Auch wenn sie rar sind, gibt es auch Uhren – mit integrierten Wecker und Kalender -, die für das Reisen hergestellt wurden (s. ein rares Exemplar vom britischen Meister Joseph Paulet im Metropolitan Museum, New York). All dies verdeutlicht, dass man sowohl für Reisetätigkeiten als auch für das Hausleben seit jeher Koffer benutzt hat.

Die zweite Hauptfunktion der Reisekoffer ist die Repräsentation. Diese ist am besten im Bezug zu aristokratischen Gewohnheiten zu sehen. Das zeremonielle Lever (aus dem französischen se lever, aufstehen/aufgehen) war ein ursprünglich intimer Moment im Alltag des Monarchen oder des Führers. Er hatte morgens Besucher zu empfangen mit denen er, während des Prozesses des Anziehens, über teilweise wichtige Themen diskutierte. Diese Zeremonie wurde allmählich auch in aristokratischen Kreisen beliebt und hatte eine zentrale Rolle im Hofleben eingenommen. Für dieses Lever hatten Objekte, welche die Hauptperson begleiteten, einen repräsentativen Charakter. So wurden „necessaires“ und Koffer relevant, da sie für die Toilette der Frauen und Männer sehr wichtig waren. Die Objekte einer Toilettengarnitur in solchen Koffern wurden aus Silber und anderen edlen Materialien hergestellt und waren die persönlichen, zentralen Prunkstücke der Protagonisten.

Aus dem oben Beschriebenen wird deutlich, dass der Terminus „Reisekoffer“ nur ein Oberbegriff ist. In diesem Sinne wird er auch genutzt, um zusammengeführte Ensembles von Objekten aus Silber zu bezeichnen. Diese sind sehr oft herausragende Beispiele von exzellentem, künstlerischen Design, hoher Qualität und tadelloser Ausführung. Oft wurden sie ohne erteiltem Auftrag hergestellt und von Händlern verkauft. Andererseits waren sie auch das Ergebnis eines bestimmten Auftrags oder manchmal des schnellen Zusammentuns nach einer kurzfristigen Bestellung. Reiseservices waren zudem in Unterkategorien geteilt: für Kaffee- und Tee, für das Schreiben, für das Essen, für die Damentoilette, usw.

Als Nächstes soll nun die dritte Hauptfunktion, nämlich die der Gabe, beleuchtet werden. Der französischen und deutschen Sitte zufolge bekamen Wöchnerinnen, die ihr erstes Kind geboren hatten, Koffer mit Ecuelles, Teller und Essbesteck als Geschenk.  Diese waren mehr zur Schau und weniger zur Benutzung bestimmt. Im Übrigen wurden Toilettenservices auch als Brautgeschenk vergeben, um am Tag direkt nach der Hochzeit benutzt zu werden. Im 18. Jahrhundert waren Ehen noch immer arrangiert und hatten politische Konsequenzen, so dass solche und ähnliche formale Geschenke sehr bedeutend waren.

Augsburger Silberschmiede hatten sich in der Herstellung und Koordinierung von Tafelservices, Toilettengarnituren und ähnlichen Objekten spezialisiert. Helga Matzke Kunsthandel besitzt einen imposanten Reisekoffer aus dem ausgehenden 17. Jahrhundert aus Augsburg, welcher eine ausgezeichnet handwerkliche und schöne Arbeit ist, und wohl diese letzte Funktion erfüllte.

Nicht zuletzt stellten solche wertvollen Objekte eine sichere Wertanlage für Frauen dar. Denn sie konnten diese immer schnell veräußern oder einschmelzen lassen, um bei Bedarf den Gegenwert zu bekommen.

Reisekoffer, Ende 17. Jahrhunderts, Helga Matzke Kunsthandel

Travelling nécessaire, silver

Expertise und Handwerk

Abgesehen von der multiplen Funktionalität handelt es sich bei Reisekoffern um Meisterwerke, die von mehreren Spezialisten hergestellt wurden: Kunsttischler, Goldschmiede, Spiegelhersteller und Lederwarenhersteller – um nur einige zu nennen. Diese Meister haben prächtige Koffer mit sehr aufwendigen Objekten und aus kostbaren Materialen hergestellt. Reiseservices waren schließlich elaborierte Koffer, welche die absolut notwendigsten Objekte für das Reisen beinhalten.

Martin-Guillaum Biennais (1764-1843) ursprünglich als Kunsttischler auf der rue Saint-Honoré tätig, gewann seinen großen Ruf nach der Revolution als Silberschmied (nach 1789). Während der Zeit des Konsulats und des Ersten Kaiserreichs hatte er Napoleon und Mitgliedern dessen Familie unterschiedliche Koffer geliefert. Eines dieser sehr schönen Arbeiten befindet sich heute in der Schatzkammer der Residenz in München: der Reisekoffer von Marie-Louise von Österreich, welchen sie als Hochzeitsgeschenk von der Stadt Paris 1810 bekam.

Neben Paris waren andere französische Städte mit einer langen Tradition in der Herstellung von Objekten aus Silber und Gold ebenfalls sehr bedeutend. Helga Matzke Kunsthandel zeigt einen wunderbaren Koffer aus Straßburg. Es handelt sich hierbei um eine exzellente Arbeit des letzten Viertels des 18. Jahrhunderts. Dieser Reisekoffer ist mit vielen, feinen Details bearbeitet (wie beispielsweise der Perlen-Fries im weißen Silber um den Deckelknauf der Ecuelle). Man kann nur die Expertise des Meisters und die detaillierte Ausführung des Kunsttischlers bewundern. Im Mittelpunkt steht natürlich die Person für welche dieser Koffer in Auftrag gegeben wurde – sehr wahrscheinlich eine Dame.

Diese „Tour“ in der Welt der materiellen Kultur des Reisens hat nur einige Aspekte der Zusammenhänge zwischen Silber und Reisen aufgeklärt. Erforschen Sie selbst die Vielfalt im Silber, die wir online präsentieren, und nehmen Sie für weitere Fragen mit uns Kontakt auf!

Ausgewählte Literatur

Heitmann, Bernhard, Die deutschen sogenannten Reise-Service und die Toiletten-Garnituren von 1680 bis zum Ende des Rokoko und ihre kulturgeschichtliche Bedeutung, Hamburg 1979 [Ph.D. diss., Univ. of Munich].

Havard, Henry, Dictionnaire de l’ameublement et de la décoration : depuis le XIIe siècle jusqu’à nos jours, Bd. 3, 1894, Maison Quantin : Paris, S. 1075-1082.

Huber-Yüzgec, Christina, ‘Begleiter für alle Fälle: Toilettengarnituren und Reisenecessaires im Wandel der Zeit’ In: Wiese, Woflgang und Schröck-Schmidt, Wolfgand (Hrsg.), Das Stille Örtchen: Tabu und Reinlichkeit bey Hofe, Berlin-München: Deutscher Kunstverlag/Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg, 2011.

Poole, Julia, ‘Princess Pauline Borghese’s Nécessaire de Voyage’ in The Connoisseur, Oct. 1978, vol. 199, pp. 107-113.

Truman, Charles, ‘A St. Cloud Nécessaire de Voyage circa 1750’ in The Connoisseur, April 1980, vol. 203, Nr. 818, pp. 253-5.

Wittmann, Otto, ‘A Great Lady’s Nécessaire de Voyage’ in Apollo, 1971, vol. XCIV, Nr. 114, pp. 145-9.

Hessische Hausstiftung/Museum Schloss Fasanerie (eds.), Silber auf Reisen, Sonderausstellung 1991/92, Fulda.