Pokal in Form eines Schiffes (Nef), Silber, teilweise vergoldet

Objektnummer: #243

Augsburg, ca. 1620

Tobias Schaumann I

Beschauzeichen: „Pyr“ für Augsburg, ca. 1620 (Seling 1980, Nr. 41)

Meisterzeichen: „TS“ für Tobias Schaumann I (Seling 1980, Nr. 1213)  

Höhe: 39 cm (15,35 in.)

Provenienz: Seit 1925 in der Familie Romiralta, Spanien; 2007 Privatsammlung, Madrid, Spanien; 2017 Helga Matzke Kunsthandel, Deutschland.

Detaillierte Informationen

Das vorliegende Trinkgefäß in der Gestalt eines Schiffes („Nef“) steht auf einem hohen, getriebenen Fuß. Dieser ist dekoriert mit stilisierten Voluten und naturalistischen Motiven und hat eine ovale, godronierte Basis. Der Schaft bildet sich aus einem zentralen Rohr; die Verschraubung zum Fuß wird hierdurch dekorativ versteckt. Ohrenförmige, gegossene Spangen und stilisierte Blumenspangen schmücken den Schaft. Der Korpus des Schiffes – gleichzeitig die Trinkschale – ist getrieben und mit Wellen und einem stilisierten Meermonster (bzw. Delphin). Auf einer der Längsseiten ist die Gravur „SHBGVM“ angebracht. Das Schiff hat einen einzigen, zentralen Mast mit einem großen Segel, welches einen dominanten Platz einnimmt. Dieser Mast ist in weißem Silber belassen und dessen Ausführung verleiht dem Schiff ausgewogene Proportionen. Die Schiffsbesatzung besteht aus elf silbernen, gegossenen Figuren. Sechs sind mit ihrer originalen Verschraubung auf dem Deck des Schiffes befestigt; diese sind offensichtlich die Hauptbesatzung. Vier sind auf der Jakobsleiter, je zwei auf jeder Seite des Mastes. Schließlich steht eine Figur im Krähennest, um offensichtlich mögliche Gefährdungen in der Ferne zu identifizieren. Aus dem Krähennest heraus erhebt sich ein weiterer Mast mittig mit einem gegossenen, silbervergoldeten Ball sowie einer zweizackigen, wehenden Flagge.

Das Schiff ist in einem hervorragenden Zustand und die Abwechslung zwischen weißsilbernen und vergoldeten Teilen ist auch insoweit ausgesprochen ausgewogen ausgearbeitet. Die Segelseile sind alle noch erhalten.

Historischer Kontext

In Frankreich hat man im Mittelalter Gefäße in Form eines Schiffes benutzt, um Wein, Gewürze und Trinkbecher aufzubewahren. Giftanschläge mittels Getränken waren im Mittelalter häufiger. Die Verwendung solcher Schiffe sollte dem Trinkenden auch die Sicherheit geben, dass sein Getränk frei von Giften war.

In einem religiösen Kontext wurden schiffsförmige Geräte ebenfalls benutzt (z.B. als Weihrauchfass). Diese dienten als ein Symbol der Kirche und des Gottes zur Erlösung des Menschen. Darüber hinaus gibt es Berichte über die Herstellung von Schiffen aus Silber und anderen preziösen Materialien, die als Votivgaben für eine unbeschadete Rückkehr von einer gefährlichen Reise in die Kirche gebracht wurden. So hat beispielsweise Margarete von der Provence (1221-1295), ein Nef der Kirche von Saint-Nicolas in Saint-Nicolas-de-Port in Lorraine 1254 als Zeichen Ihrer Dankbarkeit für die sichere Rückkehr Ihrer Familie gespendet.

Im deutschen Kulturraum und in anderen Gebieten Europas sind Schiffe als Trinkgefäße oder Tafelaufsätze seit dem frühen 16. Jahrhundert bekannt. Sie waren ein Status Symbol und sollten die Bedeutung eines bestimmten Gastes am Tisch symbolisieren. Darüber hinaus gilt das Schiff als Symbol eines erfüllten und langen Lebens. Augsburg und Nürnberg waren als große Zentren der Goldschmiedekunst in Süddeutschland auch auf die Herstellung von Schiffen spezialisiert. Schiffe sind außerdem im Zusammenhang mit der Beliebtheit und Vielfalt der Tischbrunnen im 16. und 17. Jahrhundert zu betrachten (s. Wiewelhove, 2002, S. 91-2). Die Phantasie und künstlerisches/handwerkliches Können der Augsburger und Nürnberger Meister entfaltet in dieser Periode durch die Herstellung von Tisch- und Vexiergeräten meisterhaft.

Im Allgemeinen waren solche Schiffe nicht die Nachbildung eines schon existierenden Schiffes. Diese waren eher Beweise der kreativen Phantasie des Meisters, der existierende Entwürfe von Schiffen – zeitgenössisch oder auch älter – als Vorlage verwandte. Nefs waren bis zum Ende des 19. Jahrhunderts sehr beliebte Trinkgefäße und wurden oft als außergewöhnliches Geschenk vergeben. Ein sehr schönes, historisch bedeutendes Exemplar im musée des Arts décoratifs in Paris zeigt die symbolische Kraft von Schiffen.

Für die Goldschmiede in Süddeutschland war wohl das Schlüsselfelder Schiff (ca. 1503) (im Germanischen Nationalmuseum, Nürnberg) eine ständige Referenz. Ähnlich wie bei dem Schlüsselfelder Schiff hat sich der Meister des vorliegenden Schiffes dazu entschlossen, eine alarmierende Szene im Alltag des Schiffes zu zeigen. Die Schiffbesatzung steht hochkonzentriert auf dem Deck und schaut in die Ferne. Vier Männer steigen auf die Jakobsleiter, während ein Weiterer aus dem Krähennest in die Ferne schaut. Möglicherweise zeichnet sich eine Gefahr am Horizont ab.

Das Schiff stellt einen wichtigen Moment seines Lebens auf See dar. Dies sollte den Gästen eines Dinners Gelegenheit geben, sich über die Symbolik des Schiffes, seine Entstehung sowie die handwerkliche Kunst des Meisters zu unterhalten.

Dieses Schiff ist mit einem anderen Schiff des gleichen Meisters zu vergleichen: s. Seling 1980, Bd. 2, Nr. 163.

Meister

Tobias Schaumann I ist in Ulm um 1577 geboren. Er wurde circa 1607 Meister und heiratete im gleichen Jahr. Er starb 1647.

Literatur

Oman, Charles, Medieval Silver Nefs, London: Her Majesty’s Stationery Office/Victoria & Albert Museum, 1963.

Seling, Helmut, Die Augsburger Gold- und Silberschmiede 1529-1868: Meister, Marken, Werke, C.H. Beck, München, 2007.

Scherner, Antje, ‘Scherzgefäße: Zur Wechselwirkung von Gestaltung, Handhabung und Trinkregeln in der Frühen Neuzeit’ in Pöpper, Thomas (Hrsg.), Dinge im Kontext: Artefakt, Handhabung und Handlungsästhetik zwischen Mittelalter und Gegenwart, De Gruyter: 2015, S. 145-162.

Scherner, Antje, “Gestern bin ich voll gewest”: Alkohol und Trinkspiele in der Frühen Neuzeit, In: Bachtler, Monika Syndram, Dirk und Weinhold, Ulrike (Hrsg.), Die Faszination des Sammelns: Meisterwerke der Goldschmiedekunst aus der Sammlung Rudolf-August Oetker, Hirmer Verlag: München, 2011, S. 91-99.

Wiewelhove, Hildegard, Tischbrunnen: Forschungen zu europäischen Tafelkultur, Berlin: Deutscher Verlag für Kunstwissenschaft, 2002.