Münzdeckelhumpen, Silber Teilvergoldet, Münzen des Hauses Braunschweig-Lüneburg

Objektnummer: #103

Glogau ca 1685
Meister: Matthes Francke

Beschauzeichen: ein “G” in rundem Schild für Glogau
Meisterzeichen: Monogramm “MF” für Matthes Francke
Heraldik: Baron von Kalisch (s. Von Zedlitz-Neukirch 1837: 55)

Maße: Höhe: 17 cm; Gewicht 1.500 g

Detaillierte Informationen

Wulstfuß mit eingesetzten Münzen zwischen getriebenem Blattwerk. Sechzehn Taler in zwei Reihen (zu je acht) sind in die Wandung eingelassen. Je eine Münze in Deckel und Boden. Der Deckelwulst enthält 10 Münzen. Den Henkel schmückt ein aufgelegter Perlbandring.

Alle Münzen sind Gepräge verschiedener Linien des Hauses Braunschweig-Lüneburg.
Es handelt sich bei den Münzen um die „Wilden Männer“. Der Sage nach ist ein wilder Mann eine riesenhafte Gestalt, die mit bloßen Händen Bäume ausreißen kann. Vermutlich kam diese Sage Anfang des 16. Jahrhunderts durch Bergleute aus dem Erzgebirge in den Harz.

Der Wilde Mann

Der Wilde Mann war eine literarische und künstlerische Invention der mittelalterlichen Imagination, die in Deutschland und besonders im Harz entwickelt wurde, aber doch im ganzen Europa verbreitet war. Grundliegende Attribute des Wilden Mannes ist eine große Keule oder ein ausgerissener Baum oder Baumstamm. Abbildungen des Wilden Mannes in der Kunst (Buchmalerei, Kunstwerke aus Metall, Malerei, etc.) kommen seit dem 14. Jahrhundert vor. Mit dem allmählichen Verfall des feudalen Grundherrschaftssystems und die Entwicklung der Urbanität und der mittleren Sicht seit dem 15. Jahrhundert hatte der Mythos des Wilden Mannes nicht mehr negative Konnotationen. Er wurde viel mehr als ein harmloses Wesen, mit begrenztem Wissen – und mit keinem Wissen über die Existenz Gottes – sowie relativ immun gegen Zivilisationskrankheiten dargestellt.

Der Wilde Mann und das Welfenhaus

1539 tritt zum ersten Mal auf Münzgepräge von Heinrich II der Jüngere, Herzog zu Braunschweig-Lüneburg. Fürst zu Braunschweig Wolfenbüttel (1489-1568), der Wilde Mann auf. 1529 hat er schon die Bergstadt Wildemann gegründet; es folgten die Grube Wildermann, der Stollen Wilder Mann und später die Grube Wilde Frau. Bis Ende des 18. Jahrhunderts ist der Wilde Mann ein beliebtes Motiv auf welfischen Münzen, ein Symbol des Harzes.

Die Verwendung der Ikonografie des Wilden Mannes auf Münzen von Heinrich der Jüngere ist mit seiner negativen Assoziierung zu Wildem Mann verbunden. Die Verwendung der Münzen mit Wilden Männern hat jedoch eine polemische Absicht: Heinrich der Jüngere war der einzige Katholische Herrscher in Norddeutschland, von (feindlichen) evangelischen Nachbarn umzingelt. Heinrich wollte mit der Ikonografie des Wilden Mannes auf der einen Seite, auf die Quelle seines Reichtums hinweisen (Silberbergbau im Harz), und auf der anderen Seite, sich als nicht korrumpierte Autorität darstellen.

Auf den Münzen ist der Wilde Man in einer zotteligen Vegetationsdecke angekleidet und hat in seinen Händen einen typisch für ihn Baumstamm. Dieser Typus von Wildem Mann ist eine neue Kreation, die seine Inspiration auf lokalen Legenden und auf Folklore nimmt. Bei den größeren Münzen gibt es Randinschriften programmatischen, moralisierenden Inhalts, die im 17. Jahrhundert sicherlich auch bewusst zur Kenntnis genommen wurden. So darf man die Umschrift eines der Taler auf dem Humpen „Alles mit Bedacht“ wohl als Mahnung an den Trinker verstehen.

Meister: Mathes Francke, Meister um 1685, zog im Jahre 1701 von Glogau nach Beuthen und arbeitete dort als Goldschmied weiter. (s. Hintze 1979: 110-1).

Literatur

Hintze, Erwin, Schlesische Goldschmiede, Osnabrück: Zeller, 1979
Hintze, Erwin & Masner, Karl (Hrsg.), Goldschmiedearbeiten Schlesiens. Eine Auswahl von Goldschmiedearbeiten schlesischer Herkunft oder aus schlesischem Besitze, Breslau: [Schlesischer Altertumsverein], 1911
Husband, Timothy & Gilmore-House, Gloria (with assistance), The Wild Man: Medieval Myth and Symbolism, New York: The Metropolitan Museum of Art, 1980