Exzeptioneller Kronleuchter aus Burgos, Silber

Objektnummer : 195

Burgos, 1772 1784

Meisterzeichen: „PO/VIZ“ für den Goldschmiedemeister Poviz, tätig um 1772

Beschauzeichen: Königskopf mit drei Burgen auf der Brust (Wappen von Burgos, der Krönungsstadt der kastilischen Könige) (Fernandez, 1985, S. 119, Nr. 215)
Geschaumeister: 72/LOP/EZ“ für Eusebio López, tätig zwischen 1772 1784 (Fernandez, 1985, S. 262 Nr. 214; Iglesias Rouco, 2011, S. 428)

Höhe Ø 30 cm (Ø 11,8 in.); Gewicht: ca. 634 g (ca. 22,4 oz)

Detaillierte Informationen

Der kugelförmige Korpus des Leuchters, ist vollkommen symmetrisch angelegt und besteht aus einer birnenförmigen, nach oben und unten eingeschnürten hochovalen Form. Von einem Halbkreis aus, verschmälern sich die mehrfach profilierten, eingeschnürten Enden oben und unten zu einem schmalen Knauf, der beidseitig in einen Befestigungsring übergeht. Als Übergang zwischen Gefäßmitte und Einschnürung dient je ein fein gearbeiteter Zungenfries. Die Körpermitte ist von einem alternierenden geometrischen Muster überzogen. Oberhalb und unterhalb eines zentralen Silberreifes, ragen symmetrisch angeordnete, gleichschenkelige Dreiecke nach unten und oben, die jeweils von kleinen Kreisen unterbrochen sind. Diese treten vor einem aus punzierten und ziselierten Streifen gebildeten Hintergrund plastisch hervor. Aus dem glatten, silbernen Band, das zur Strukturierung und Stabilisierung des Leuchters dient, ragen drei mit gravierten floralen Motiven verzierte, nach demselben Modell gegossene Leuchter-Arme. Sie stützen von unten her, je einen polierten Kerzenhalter mit Tülle und flacher Tropfschale. Am Korpus und auf allen drei Tropftellern sind Marken des Meisters und Beschaumeisters sowie die Stadtmarke zu erkennen. Als Aufhängung des an „Ewige Lichtampeln“ erinnernden Leuchters, dient eine eingedrehte Silberkordel.

Der auffallend edel wirkende Leuchter entstand zu Beginn des Klassizismus in Burgos, in einer Zeit als eine junge Generation von Goldschmieden dem pompösen Prunk der Barockzeit den Rücken zuwandte und neue klassische Formen propagierte sowie den Funktionalismus der Objekte hervorhob. Kunstvoll gearbeitete Ranken werden in der Goldschmiedekunst häufig als Leuchter-Arme eingesetzt. Die feine Gravierung und Ziselierung an den durchbrochenen Leuchter-Armen und am Gefäßkörper steht im Kontrast zu den glatt polierten Oberflächen im Zentrum und an den Tüllen des Leuchters. Geometrische und vegetabile Formen sowie glatter Flächen alle diese Elemente fügen sich gemeinsam mit der Symmetrie des Aufbaus zu einer ausgewogenen Balance zusammen und verleihen dem Leuchter eine außergewöhnliche, in sich ruhende Wirkung.

Goldschmiedekunst in Burgos

Die Meisterwerdung und die Kennzeichnung der Goldschmiedeobjekte war im 18. Jahrhundert in Burgos genau festgelegt: Wer Goldschmied werden wollte, begann seine Lehrzeit im Alter von 15 bis 18 Jahren bei einem Meister der Silberschmiedekunst. Er verpflichtete sich dazu, zwischen fünf und sieben Jahre, bei seinem Meister zu arbeiten und zu wohnen, bis er ausreichend technische und handwerkliche Kenntnisse besaß und seine Goldschmiedeausbildung abgeschlossen war. In Burgos ausgeführte Werke mussten eine bestimmte Legierung aufweisen, das Zeichen der Stadt Burgos (ein gekröntes Haupt darunter drei Burgen) sowie das Meister- und Beschauzeichen tragen. Der Beschaumeister war für 6 Jahre eingesetzt (jedoch teilweise länger tätig) und besaß ab 1741 einen Stempel mit der Jahreszahl seines Tätigkeitsbeginns. Von 1752 an mussten die Werke von einem Beschaumeister mit zwei Punzen gemarkt werden: mit der oben genannten Beschaumeisterpunze sowie einer ihm zugeordneten Stadtpunze von Burgos. In diesem Fall handelt es sich um die Punzen von Eusebio López, der zwischen 1772 bis zum Ende des Jahrhunderts als einziger tätiger Beschaumeister in Burgos tätig war und zahlreiche Goldschmiedearbeiten verschiedenster Meister markte. Von zahlreichen Goldschmiedemeistern ist in der Literatur leider kaum mehr als ein Name oder eine Meistermarke erwähnt, so auch für „Poviz“. Die Stadt Burgos liegt auf dem bedeutenden Handelsweg zwischen Madrid und Paris sowie am Jakobsweg. Sie war seit dem Mittelalter ein bedeutendes Handelszentrum in Nordspanien. Bis heute befinden sich die meisten noch erhaltenen Goldschmiedearbeiten aus Burgos in Kirchlichem Besitz, zum Beispiel der Kathedrale von Burgos.

Dreiarmige Leuchter in Form einer Hängeampel

 Kerzenleuchter dieser Art erinnern in ihrer Form an „Hängeampeln des ewigen Lichtes“ wie sie häufig vor Altären zu finden sind. Leuchter mit zentralem kugelförmigem Körper und drei vegetabilen Leuchterarmen, haben sich sehr selten erhalten, einer von ihnen ist z.B. bei Lena Saladina Iglesias Rouco: Platería hispanoamericana en Burgos“, Burgos 1991, abgebildet.

Lámpara de plata procedentes de Puebla de los Ángeles (s. XVIII). (Foto: Lena S. Iglesias, Platería hispanoamericana en Burgos, Burgos 1991)

Literatur

Ferandez, Alejandro: Enciclopedia de la Plata española y Virreinal americana, Madrid 1984, S. 119, Stadtmarke von Burgos, Nr. 215, zu Lopez, S. 119, Nr. 214 und S. 262 (hier als Manuel López)

Ferandez, Alejandro: Enciclopedia de la Plata española y Virreinal americana, Madrid 1985, S. 119, Stadtmarke von Burgs, Nr. 215, zu Lopez, S. 119, Nr. 214 und S. 262 (hier als Manuel López)

Ferandez, Alejandro: Marcas de la plata española y virreinal, Madrid 1992, zu den Marken von Burgos, S. 132136, insb. S.134f.

Iglesias Rouco, Lena Saladina: Platería hispanoamericana en Burgos, Burgos 1991,

Iglesias Rouco, Lena Saladina: De la creatividad barroca al funcionalismo neoclásico, en torno a la platería de Burgos durante el siglo XVIII, In: Pulchrum 2011, S. 421-429. (neueste Forschungen zur Goldschmiedekunst