Bedeutender Silber Vergoldeter Deckelhumpen

Objektnummer: #115

Braunschweig ca. 1590
Meister: Hans Pawell II

Beschauzeichen: ein nach heraldisch rechts aufgerichteter oder sich aufrichtender Löwe (Spies 1996, Nr. 1)
Meisterzeichen: “HP” in rundem für Hans Pawell II (Spies 1996: I/147)
Gravur: Allianzwappen und Monogramme „IAW“ und „AM“

Höhe: 15,2 cm (59, 84 in.); Gewicht: 454 g.

Detaillierte Informationen

Der fein gearbeitete Deckelhumpen weist die zylindrische Form eines Walzenkrugs auf. Er erhebt sich über einem leicht ausladenden, profilierten Standring, der durch einen umlaufenden Rautenfries hervorgehoben wird. Die Wandung des Humpens verjüngt sich leicht nach oben hin und schließt in einem profilierten, leicht nach außen gewölbten Rand ab. Sie ist fast vollständig mit gravierten Ornamenten überzogen. Schweifwerk mit stilisierten Lilienornamenten, fein auslaufenden Voluten und Herzformen bilden den Rahmen für einen belebten Tränendekor. Durch die feine Punzierung heben sich die sog. Tränen scheinbar plastisch vom Hintergrund ab. Zierlich eingerollte Blattranken beleben die Herzen, die dazwischenliegenden Zwickel sowie die Volutenschnecken. Die aufwendige Feuervergoldung unterstreicht hierbei noch zusätzlich die Plastizität der Gravierungen. Der Tränendekor wird über den nach oben hin gewölbten Deckel weitergeführt. Die Mitte des von Tränen umgebenen Deckels bildet ein erhöht angebrachtes Medaillon, das von Schweifwerk gerahmt wird. Darauf sind die Allianzwappen zweier Familien eingraviert, darüber sind die legierten Initialen „IAW“ und „AM“ zu sehen. Der zweigeteilte, geschweifte Ballusterknauf des Humpens ist reich ornamental verziert. Die kugelförmige Daumenrast wird von einem unbekleideten Meerweibchen bekrönt, das mit beiden Händen je einen volutenartig eingerollten Fischschwanz umgreift. Die Meerjungfrau trägt eine aufwendig geflochtene Hochsteckfrisur und blickt in Richtung des Allianzwappens. Meerweibchen dieser Art werden Ende des 16. Jahrhunderts häufig als Bekrönung der Daumenrast eingesetzt. Oberhalb der Mitte des Ballusterknaufes befindet sich eine Frauenherme, die aus einem Pflanzenornament zu wachsen scheint.

Humpen haben ursprünglich dem liturgischen Gebrauch gedient. Später wurde das Gefäß für den profanen Gebrauch übernommen, besonders als Biergefäß. Bier wurde damals warm getrunken, daher haben Humpen immer einen Deckel.

Deckelhumpen dieser Art waren in Deutschland und England Ende des 16. Jahrhunderts verbreitet. Humpen wurden nach der neuesten Mode dekoriert und nicht nur bei der Tafel verwendet, sondern auch auf Buffets ausgestellt. Wie andere reich dekorierte Silberobjekte spiegelten sie den Reichtum ihrer Besitzer wider und dienten häufig als höfische Geschenke.

Die Umrahmung des Allianzwappens durch den Tränendekor, die Anbringung der unbekleideten Meerjungfrau sowie die Verwendung von Herzformen im Dekor lassen eine ursprüngliche Anfertigung als Hochzeitsgeschenk vermuten.

Wappen/Provenienz: Wappen auf dem Deckel höchstwahrscheinlich Familie von der Wede und Familie von Marschet.

Meister: Hans Pawell II wurde im letzten Viertel des 16. Jahrhunderts geboren. Er war Goldschmied, Juwelier und Steinschneider. Im August 1582 erhält er vom Herzog aus Wolfenbüttel 130 Taler für geschnittene Steine.