KUGELFUSSBECHER MIT KAISERPORTRÄT-MEDAILLIONS UND FEIN GRAVIERTEN ALLEGORIEN, AUGSBURG CA. 1700, SILBER TEILVERGOLDET

Objektnummer  

Augsburg 1697-1699

Johann Jebenz

Beschauzeichen: „Pyr“ für Augsburg, (BZ Seling Nr.1160) ?

Meisterzeichen: „II“ für Johann Jebenz (geb.1661, gest.1737) Meister 1694 – 1708 (MZ Seling Nr. 1887c)

Silber, getrieben, gegossen, graviert, punziert, teilvergoldet

Höhe: 17 cm (6,69 in.); Gewicht: 424 g

Detaillierte Informationen

Detaillierte Informationen

Fast zeitgleich mit dem Silber vergoldeten Augsburger Kugelfußbecher mit kunstvoll gravierten Landschaften von Johann Christoph I Treffler #123 entstand dieser aufwendig gravierte, auf drei zierlichen Kugeln fußende Deckelbecher von dem Augsburger Goldschmied Johann Jebenz.

Das gänzlich vergoldete Objekt zieren – in spannungsvollem Kontrast – aufmontierte silbern glänzende Kaiserporträt-Medaillons. Eine durch eingerollte, silberne Blätter gebildete Rankenmanschette umgibt den von einem kugeligen Knauf bekrönten Deckel.

Drei allegorische Darstellungen dominieren die gerade aufragende Kuppa des Gefäßes. Sie sind von Ranken-Kartuschen gerahmt, die aus Früchtestilleben zu wachsen scheinen. Dargestellt sind drei weibliche Allegorien, die Rätsel aufwerfen und zum Nachdenken anregen: Es handelt sich um eine weibliche, sitzende Figur – wohl einer Dichterin – die von einem Lorbeerkranz bekrönt ist, deren Gewand auffallend bewegt ihre Schultern rahmt. Sie senkt ihren Blick auf eine nach unten gerichtete, auf ihrem Knie abgestützte, erloschen Fackel. Eine weitere stehende weibliche Allegorie über der sich ein Wolkengebirge auftürmt, hebt ratlos mit erschrockenem Gesichtsausdruck beide Hände, während ein schräg ins Bild auf das Früchtestilleben zielender Pfeil erneut Fragen aufwirft. Die dritte Allegorie zeigt eine stehende Frau mit wehendem Gewand, die ihren Kopf zur Seite dreht, während ein neben ihr stehender Hund (der immer mit Treue in Verbindung gebracht wird) sich gänzlich von ihr in die andere Richtung abwendet. Vermutlich handelt es sich hier um das Gegenteil der Darstellungen von Treue, Liebe und Weisheit bzw. Erleuchtung – sie bieten Anregung zu einem Gedankenspiel, das sich mit dem Gedanken des Carpe Diem und dem Vanitas-Motiv in der Barocken Kunst hervorragend in Einklang bringen lässt.

Die Zwickelfelder zwischen den Allegorien sind durch krautig ineinander verschlungene, eingedrehte und fein gravierte Akanthusrankenbüschel verziert, die stark an Martin Schongauers Kupferstich „Querfüllung aus einem Rasenbüschel wachsend“ aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts erinnern.

Auch für die in ihrer originalen Montierung erhaltenen, silbernen Medaillons verwendete Jebenz sicherlich graphische Vorlagen: Seine Kaiserporträts erinnern an Hubert Goltzius Porträts der „klassischen Kaiser“ die durch übergroße Lorbeerkränze hervorgehoben sind, deren Befestigung im Nacken durch ein flatterndes Band betont wird und die von Coppens van Diest, Gillis 1557 verlegt und unter dem Namen „Vivae Omnium Fere Imperatorum Imagines“ veröffentlicht wurden. Johann Jebens verwendete diese Vorlagen in seinen Objekten mehrfach. Er graviert die Darstellung eines römischen Imperators – mit einer auffälligen Zacken-/ Strahlenkrone – auf einen Tumbler, die ebenfalls eindeutig so bei Goltzius zu finden ist. Die Verwendung von Münzbildnissen oder antiken Porträts, Landschaftsdarstellungen oder Allegorien, umgeben von Rankenwerk war um 1700 weit verbreitet und sehr beliebt.

Meister

Der Augsburger Goldschmied Johann Jebenz, geb. 1661, Meister 1694 – 1708, starb 1737. Jebenz zahlreich erhaltene Goldschmiedearbeiten: Teller, Schüsseln, Becher, ein Kelch, eine Abendmahlskanne und Leuchter sind über zahlreiche große Kunstgewerbemuseen Europas verteilt. Seine Arbeiten befinden sich im Moskauer Kreml, dem Museum für angewandte Kunst in Frankfurt, dem Victoria & Albert Museum in London, in der Livrustkammaren des Schlosses in Stockholm und in der Staatlichen Eremitage St. Petersburg.

 

Literatur

Hernmarck, Karl, Die Kunst der europäischen Gold- und Silberschmiede von 1450-1830, München 1978, S. 80

Pechstein, Klaus (Hrsg.), Schätze deutscher Goldschmiedekunst von 1500 bis 1920 aus dem Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, Berlin 1992, S. 190-191, Kat. Nr. 67; S. 193, Kat Nr. 70 (zu Augsburger Kugelfußbechern mit Deckel, gravierten Akanthusranken und Medaillons)