Silber Teilvergoldeter Münzhumpen

Objektnummer: #101

Berlin, ca. 1695
Daniel Männlich der Ältere (1625-1701)

Beschauzeichen: ein Bär für Berlin ca. 1695 (Rosenberg Nr. 1148; Scheffler Nr. 4b)
Meisterzeichen: Monogramm „DM“ in einem runden Schild für Daniel Män(n)lich der Ältere (Rosenberg Nr. 1171; Scheffler Nr. 141)
Wappen: auf den Münzen Bistum Lüttich und eingraviert am Fuß das Wappen von Kortrijk/Courtrai (Neubecker 1974: 48)

Höhe: 25 cm (9,84 in.); Gewicht: 2.300 g.

Detaillierte Informationen

Der vorliegende, große Humpen steht auf einem zylindrischen breit ausladenden, glatten Fuß, der mit dem Wappen der Stadt Kortrijk verziert ist. Der Korpus ist geschmückt mit 27 eingesetzten Münzen in drei Reihen mit dem Porträt von Sankt Lambertus im Profil, Inschrift und Namen. Zwischen den Münzen sind detaillierte Akanthusblätter ziseliert. Auf dem klappbaren Deckel sind weiterhin vier Münzen aufgebracht sowie eine Münze auf dem Boden. Ein ohrenförmig gegossener Henkel ist seitlich angebracht. Die Daumenrast ist als große, vergoldete Kugel gestaltet.

Die Münzen

Ohne Zweifel sind die eingesetzten Münzen das wichtigste Merkmal des Objekts. Es handelt sich um einen Taler aus Silber (sog. patagon oder patacon), geprägt in der Periode der Sedisvakanz im Bistum von Lüttich des Jahres 1694, der relativ selten ist. Die Sedisvakanz geschah als Johann Ludwig von Elderen (1620-1694), bis dahin Fürstbischof von Lüttich, im Februar 1694 starb. Sein Nachfolger, der 23-jährige Joseph Clemens von Bayern (1671-1723) wurde 93. Fürstbischof von Lüttich im Oktober des gleichen Jahres.

Die Münze zeigt auf der Vorderseite die Büste von Sankt Lambertus mit Mitra und gekleidet mit Bischofsornat. Um die Büste herum, die Inschrift: „S : LAMBERTVS ×PATRONVS ×LEOD :”. Auf der Rückseite der Münze und mittig ist das Wappen des Fürstbistums Lüttich: Bouillon, Franchimont, Looz, Hornes mit dem Wappen von Lüttich oben. Um dieses herum, eine fünfblütenblättrige Rosette und folgende Inschrift: “ MONETA ×NOVA ×CAPLI ×  LEOD ×  SEDE ×VACANTE 16/94“.

Sankt Lambertus (ca. 636-ca. 700) wurde in Maastricht geboren und war Bischof der Stadt von circa 670 bis zu seinem Tod. Sankt Lambertus war außerdem Patron von Lüttich. Der Bischof Sankt Hubert (ca. 656/8-727) hat die Gebeine von Sankt Lambertus nach Lüttich verlegen lassen nachdem er den Sitz des Bistums von Maastricht nach Lüttich verlegt hatte.  Sankt Lambertus wurde auch im Erzbistum Köln verehrt

Sedisvakanz Münzen wurden zum ersten Mal im Jahr 1688 in Lüttich geprägt. Dies geschah als Maximilian Heinrich von Bayern (1621-1688), Erzbischof und Kurfürst von Köln, Bischof von Hildesheim und Lüttich starb. Maximilian Heinrich war einer der ersten Wittelsbacher, die Bischöfe von Lüttich wurden. Das Prägen von Sedisvakanz Münzen hat sich danach in Lüttich etabliert. Bei jedem bischöflichen Interregnum wurden nunmehr solche Münzen hergestellt. Dies wurde zu einer Lütticher Tradition und markiert eine zunehmende Autonomie des Ordenskapitels (welches auf der Münze durch das „CAPLI“ deutlich erwähnt wird). Die zweite Sedisvakanz Münze ist eben diese aus dem Jahr 1694.

Allgemein werden Sedisvakanz Münzen geprägt, wenn der Sitz des Bischofs nicht besetz ist. Dies kann geschehen wegen Tod, Austritt oder Übergang des Bischofes in eine andere Diözese, oder wegen Verlust des Amtes ohne Benennung eines Nachfolgers. Oft werden solche Münzen als Barockkunstwerke betrachtet.

Die Münzen dienten als dekorative Elemente auf Trinkgefäßen aus Silber des 17. und 18. Jahrhundert. Diese haben die Bedürfnisse nach luxuriöser Repräsentation erfüllt und dienten dem Anspruch der barocken Fürsten und anderen Auftraggeber an weltlicher und kirchlicher Macht. Die Münzen haben auch aktuelle Ereignisse dargestellt.

Ein Humpen, der sehr ähnlich bearbeitet ist und auch ein bedeutendes Ereignis verewigt ist eine Arbeit des gleichen Meisters – Daniel Männlich d.Ä. – in den Sammlungen des Hessischen Landesmuseums in Kassel: ein Münzhumpen, Silber, teilweise vergoldet, aus ca. 1679, die die Vertreibung der Schweden aus Preußen zeigt, der sog. „Brandenburger Krug“.

Die Entstehung

Dieser Humpen ist nicht nur ästhetisch als Objekt interessant, sondern auch aus historischen und kulturellen Gründen. Die eingesetzten Münzen des Humpens zeigen eine Verbindung zu Lüttich, wobei allerdings das Wappen auf dem Fuß auf eine Kortrijker Herkunft hindeutet.

Unter der Berücksichtigung des repräsentativen Charakters solcher Objekte kann man vermuten, dass der vorliegende Humpen ein Auftrag des Maximilians II. Emmanuel (1662-1726) war. Dieser Humpen war möglicherweise ein Geschenk an seinen jüngeren Bruder Joseph Clemens.

Maximilian II. Emmanuel (1662-1726) war Statthalter der habsburgischen Niederlande(1692-1706) sowie Markgraf von Namur, Herzog von Luxemburg, Brabant, Limburg und Geldern (1712-1714). Seine Verwandten aus dem Haus Wittelsbach waren auch mit Lüttich verbunden. Maximilian Heinrich von Bayern war von 1650 bis 1688 Bischof von Lüttich und Joseph Clemens von Bayern bekam 1694 den gleichen Titel mit Bestätigung im Amt von Papst Innozenz XII. Dies geschah nach schwierigen Wahlauseinandersetzungen.

Die zwei Brüder, Maximilian II Emmanuel und Joseph Clemens hatten während 1695-1723 ein Bündnis gebildet. Während des Spanischen Erbfolgekrieges (1701-1714), hatten sie sich auf der Seite der Franzosen und Spanier eingeordnet. Seit der Krönung Josephs Clemens als Fürstbischof von Lüttich gab es verschiedene Anlässe, um den Humpen seinem Bruder Joseph Clemens zu verschenken. Allein die Krönung im Erzbistum von Lüttich im Jahr 1694 war ein perfekter Anlass.

Außerdem waren beide Brüder aktive Mäzene sowohl für französische als auch für deutsche Künstler. Ihr ästhetischer Geschmack war im Übrigen von unterschiedlichen, europäischen künstlerischen Tendenzen geprägt.

Der Auftrag des Humpens – ein Objekt des deutschen Barocks – steht somit nach aller Wahrscheinlichkeit in Zusammenhang mit der Geschichte des Hauses Wittelsbach und deren Beziehung zu dem Bistum von Lüttich. Das Wappen von Kortrijk dürfte sich durch einen späteren Eigentümer des Humpens erklären.

Meister

Daniel Mänlich (oder Männlich) der Ältere war 1625 in Obersdorf, in der Nähe von Troppau, Schlesien, geboren. Seit 1650 lebte er in Berlin, wo er seine Werkstatt hatte. Im Jahr 1665 wurde er Goldschmied des Markgrafen von Brandenburg Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1620-1688) und seit ca. 1676 war er als Hofgoldschmied tätig. Er starb 1701 in Berlin. Die Gruft Daniels Männlich befindet sich in der Nikolaikirche, Berlin. Daniel Männlich hat eine Reihe von Münzobjekten, insbesondere Münzhumpen, hergestellt. Er war zusammen mit Christian Lieberkühn (1669-1733) einer der Berliner Meister, die solche Objekte herstellten.

Literatur

Neubecker, Ottfried, Wappenbilderlexikon: Dictionnaire héraldique = Encyclopaedia of heraldry, München: Battenberg, 1974.

DARIS, Joseph, Histoire du diocèse et de la principauté de Liège pendant le XVIIesiècle, t. II, Liège : Imprimerie et Lithographie Demarteau, 1877.

DENGIS, Jean-Luc, Les monnaies de la principauté de Liège. Volume III : De Gérard de Groesbeeck au rattachement à la France (1564-1794), Moneta : Wetteren, 2006.

HUYS, Jean-Philippe, ‘Deux mécènes de culture européenne en exil à l’aube du XVIIIe siècle. Les électeurs Maximilien II Emmanuel de Bavière et Joseph-Clément de Cologne, entre Pays-Bas méridionaux et royaume de France’, p. 155-169, dans MAËS, G. et BLANC, J., Institut de recherches historiques du Septentrion (éd.),Les échanges artistiques entre les anciens Pays-Bas et la France, 1482-1814. Actes du colloque international organisé par l’Institut de recherches historiques du Septentrion – UMR CNRS 8529 – Université de Lille 3 au Palais des Beaux-arts de Lille les 28-29-30 mai 2008, Brepols : Turnhout, 2010.

KEISCH, Christiane, Das große Silberbuffet aus dem Rittersaal des Berliner Schlosses, Kunstgewerbemuseum: SMPK, 1997.

PECHSTEIN, Klaus, ‘Münzgefäße‘ p. 205-219 In: Germanisches Nationalmuseum (éd.), Münzen in Brauch und Aberglauben. Schmück und Dekor – Votiv und Amulett – Politische und religiöse Selbstdarstellung, mit 342 Schwarzweiß-Abbildungen und 24 Farb-Tafeln, Mainz am Rhein: Verlag Philipp von Zabern, 1982.

SCHEFFLER, Wolfgang, Berliner Goldschmiede : Daten, Werke, Zeichen, Berlin : Hessling, 1968.