Salzburger Dose, Steinbockhorn mit Silbermontierungen

Objektnummer: #349

Salzburg, Mitte des 18. Jahrhunderts

Steinbockhorn, Deckel und Boden geschnitzt, Silbermontierung

Provenienz: Sammlung B. Böck

Detaillierte Informationen

Salzburger Dose, Steinbockhorn mit Silbermontierungen

Die vorliegende Salzburger Dose besteht aus einem Stück Steinbockhorn mit zwei Geweihknoten. Die Montierungen sind aus Silber. Die Wandung der Dose ist aus dem Vollhorn geschnitzt und gerillt. Der Deckel zeigt einen ruhenden Steinbock im Gebirge umgeben von einigen Pflanzen. Auf der Unterseite des Bodens ist eine Reiterei bei einer Jagd zu beobachten. Auf Grund der Wölbung des Deckelreliefs und der deutlich sichtbaren Strukturen des Horns, scheint es ein frühes, geschnitztes Exemplar der Steinbockhorndosen aus Salzburg zu sein. Wenngleich die Deckel und Bodenverzierungen solcher Dosen meist gepresst wurden. Die Darstellung des Deckels scheint sehr grob und ist durch häufigen Gebrauch stark abgerieben. Das Relief des Bodens wiederum ist flacher und präziser, was auf ein jüngeres Herstellungsdatum als das des Deckels schließen lässt.

Der Steinbock und der Mensch 

Der Steinbock galt seit jeher als ein Tier mit außergewöhnlichen Kräften, wie sonst sollte es in den schroffen Gebirgsregionen überleben. Diese waren für den Menschen, vor der Zeit des Alpinismus, eine undurchdringbare Welt. Den damaligen Vorstellungen nach, musste das Tier, um dort standhalten zu können, besondere Fähigkeiten besitzen, um die dortigen Gefahren zu bewältigen. Diese Kräfte wollte der Mensch ebenfalls für sich beanspruchen, daher trug man, beispielsweise gegen Zauberei, das Horn auf der bloßen Haut. Unter anderem wurde es auch gegen die Pest (Pestsegen) eingesetzt. Im Universallexikon von Zedler (1744) werden verschiedenste Wirkungen des Steinbockhorns aufgezählt. Vor allem Löffel, Dosen oder Trinkgefäße seien außerordentlich gut gegen Gifte und ähnliches, ist dort zu lesen. Aus diesem Grund wurden vor allem Becher und Dosen aus Steinbockhorn angefertigt. Die Dosen dienten daher wohl zur Aufbewahrung von Medikamenten, um die Heilwirkung dieser zu steigern. Die Verwendung als Schnupftabakdose war möglicherweise eher zweitrangig.

In Salzburg gab es im 18. Jahrhundert eine Steinbockkolonie, welche eigentlich dem Schutz der hiesigen geistlichen Fürsten unterstand. Jedoch führte der Glaube an die Wunderwirkung des Horns und Unvernunft dazu, dass die Tiere unermüdlich gejagt wurden, bis der letzte Steinbock starb. Entsprechend der Mode der Exotica, die seit dem 17. Jahrhundert überall zu einzigartigen Kunstobjekten für die fürstlichen Kunstkammern verarbeitet wurden, erhob man das ästhetisch zunächst nicht ganz so ansprechende Steinbockhorn im 18. Jahrhundert zur Kostbarkeit, weil es von einem sagenumwobenen Tier mit wundersamen Kräften stammte. Durch die rasante Ausrottung der Tiere gab es in Salzburg einen außerordentlichen großen Vorrat an Steinbockhörnen, sodass sich am hiesigen Hof ein blühender Kunstgewerbezweig, der einzigartig in Europa blieb, entwickelte.

Steinbockhorn im Kunsthandwerk

Objekte aus Steinbockhorn sind meist in silbernen oder silbervergoldeten Montierungen, die immer Reliefs von Steinböcken und Jägern auf der Steinbockjagd zeigen. Im Zentrum der Darstellungen steht das Motiv des Steinbocks, welches die Herkunft des Materials und die damit vermeintlich zugeschriebenen Kräfte verdeutlichen soll.

Im Gegensatz zum Elfenbein lässt sich das Steinbockhorn nur sehr schwer schnitzen, da es hart und spröde ist. Vor allem die Reliefs der Deckel- und Bodenplatten von Dosen sind meist geprägt. Im Gegensatz den stark reliefierten Gegenständen, sind die gepressten Reliefs sehr prägnant und außerordentlich flach. Die Motive und ihre Ausführung ähneln sich zudem sehr oft, sodass davon auszugehen ist, dass hier mit vorgefertigten Stempeln gearbeitet wurde.

Um das harte und spröde Horn des Steinbocks prägen zu können, muss es jedoch „weich“ gemacht werden. In Johann Jacob Bräuners: Unschätzbares Artzney-Büchlein zur Zeit der Noth. Bestehend In einer Anzahl sicherer und approbirter Recepten von 1736 ist ein Rezept für „Horn in Formen drucken“ zu finden: „Saft von weissen Adorn, Eppich und Schafsgarbe, von Rettich, auch starken Weinessig und lege das Horn drein. Setze es 7. Tage wohl bedeckt unter neuen Roß-Mist, bestreich deine Hände mit Öl / und zerreib das Horn wohl damit, truck es worin dir beliebt.”

Die Zuschreibung der Steinbockhornobjekte in den Raum Salzburg, Ende des 18. Jahrhunderts, kann dank verschiedener Hinweise weiter belegt werden. In der Münchner Residenz gibt es einen Steinbockhornbecher, welcher eindeutig die Müllner Kirche in Salzburg mit dazugehörigem Kloster zeigt und daher eindeutig einem Salzburger Schnitzer zugeschrieben werden kann.

Quellen und Literatur

Johann Jacob Bräuner: Unschätzbares Artzney-Büchlein zur Zeit der Noth. Bestehend In einer Anzahl sicherer und approbirter Recepten, Wider vilerley täglich fürfallende inn- und äusserliche menschliche Leibs-Gebrästen, mit sonderbahrem Nutzen zu gebrauchen : Zu Erspahrung viler weitläuffiger Bücher, Allen angehenden Studiosis Medicinae & Chirurgiae … außgestellet, München 1736.

Johann Heinrich Zedler: Großes vollständiges Universal-Lexikon. Spif – Sth (= 39), Halle Leipzig 1744.

Benedikt Pillwein (Hg): Biographische Schilderungen oder Lexikon Salzburgischer Künstler, Salzburg 1821.

Johannes Neuhardt (Hg): Geschnitztes Steinbockhorn, Salzburg 1990.

*Elfriede Grabner: Der Steinbock im Volksglaube. In: Johannes Neuhardt (Hrg): Geschnitztes Steinbockhorn, Salzburg 1990, S. 44–55.

*Franz Wagner: Die Hornschneider und Dosenmacher. In: Johannes Neuhardt (Hrg): Geschnitztes Steinbockhorn, Salzburg 1990, S. 56–63.

*Friederike Zaisberger: Das Steinwild in Salzburg. Jagd und Hege einst und jetzt. In: Johannes Neuhardt (Hrg): Geschnitztes Steinbockhorn, Salzburg 1990, S. 18–33.

Johannes Neuhardt: Geschnitztes Steinbockhorn. In: Weltkunst, Jg. 60, Heft 14, 1990, S. 2164–2166.

Eugen von Philippovich: Kuriositäten, Antiquitäten ein Handbuch für Sammler und Liebhaber ; 12 Farbtaf. u. 355 Abb., Braunschweig 1966.

Eugen von Philippovich: Steinbockhornarbeiten der Barockzeit aus Salzburg. In: Alte und moderne Kunst, XXIV, 192 u. 193, 1984, S. 18–22.

Nora Watteck: Geschnitztes Steinbockhorn. Ein vergessener Zweig des Salzburger Kunsthandwerks. In: Alte und moderne Kunst, 58/59, 1962, S. 27–31.