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Augsburger Vesperbild (Pietà), Silber vergoldet

Objektnummer: #

Augsburg 1624-28

Abraham II Lotter

Beschauzeichen: „Pyr“ für Augsburg 1624-28 (Seling 2007 Nr.0350)

Meisterzeichen: „AL“ für Abraham II. Lotter (Seling 2007 Nr. 1278)

Provenienz: Kunsthandel Heide Hübner, Würzburg

Höhe: 8 cm; Gewicht: 122 g.

Detaillierte Informationen

Augsburger silbernes Vesperbild

Bei der vorliegenden, kleinformatigen Skulptur, Silber, teilweise vergoldet, handelt es sich um eine Zweifigurengruppe, die die Muttergottes und Christus darstellt. Maria wird in aufrecht, sitzender Position gezeigt; auf ihren Knien hält sie den vom Kreuz genommenen Leichnam Jesu. Marias Kopf ist dem Christus zugewandt und die linke Hand liegt auf seinem linken Oberschenkel. Sie wird frontal abgebildet und hält die vertikale Achse der Gruppe. Die Drehung ihres Kopfes ermöglicht allerdings eine Betrachtung von mehreren Seiten. Die Drehung wird durch das vorgestellte Knie verstärkt. Sie ist in ein ausladendes Gewand mit reichem Faltenwurf und feinen Details gekleidet, welches Gesicht, Hals und Hände unbedeckt lässt und mit reicher Punzierung verziert ist. Die Figur ist in sich selbst versunken.

Die parallele Achse der Komposition bildet sich durch den Corpus Christi, der sich in einer eher diagonalen Lage befindet. Der Oberkörper des Leichnams hat eine seitliche Position; dabei ist der Kopf nach unten geneigt. Er ruht in Marias Armbeuge. Einegotische Reminiszenz ist das Herabhängen des rechten Armes. Christus hat lange Haare, einen Bart und ist bedeckt mit einem kleinen Lendentuch. Der Leib und das Antlitz Christi erinnert sehr an den Kruzifix-Typus-Christus, den Giambologna geschaffen hat. Die Lage Christi bricht die Frontalität und gibt der Komposition eine Lebendigkeit, welche das Mitleid und Barmherzigkeit den Betrachter erleben lässt.

Die zwei Figuren sind auf einem mit feiner Gravur dekorierten Podest befestigt. Dort befinden sich auch die Marken. Hinter Maria eine Stützstruktur für die Komposition. Die Figuren sind miteinander verschraubt (sichtbar von hinten). Die Marken befinden Sie auf dem Podest und der Stützstruktur.

Dieser Vesperbildtypus orientiert sich an plastischen Werken mit dem gleichen Thema aus dem süddeutschen Raum. Das Podest, die unbearbeitete Rückseite aber auch die kleine Dimension der plastischen Gruppe deuten darauf hin, dass dieses Vesperbild für den persönlichen Gebrauch und vor allem für das individuelle Gebet bei einem Hausaltar hergestellt wurde. Der Meister Abraham II. Lotter schafft es, Intimität, Andacht, Menschlichkeit, Mitleid und Spiritualität in einem kleinen, skulpturalen Ensemble zu verbinden.

Vesperbild (Pietà)

Das Vesperbild gehört zu den sog. Andachtsbildern, die seit ca. 1300 in der deutschen Plastik erscheinen. Mit dem Begriff „Vesperbild“ meint man den letzten Abschied der Muttergottes zwischen der Kreuzabnahme und der Grablegung Christi. Bei der Verteilung der einzelnen Phasen der Passion nach Tageszeiten fallen die o.g. Ereignisse in die „Vesper“ (am späten Nachmittag) des Karfreitags. Daher kommt auch der Name. Das Vesperbild ist eine geschlossene Zweifigurengruppe: Die Muttergottes Maria hält den Leichnam Christi auf ihrem Schoß. Die Evangelien berichten nicht über die Szene; man geht davon aus, dass die Ikonographie ihre Herkunft auf Gedichte und mystische Literatur oder sogar die Byzantinische Ikonografie zurückgreift. Das Vesperbild im Mittelalter hatte also keine liturgische Funktion, sondern diente dem intimen Gebrauch des Betenden. Als Andachtsbilder gelten noch der Schmerzensmann und die Christus-Johannes-Gruppe. Auf Italienisch heißt dieses künstlerische Thema Pietà (Barmherzigkeit), auf Französisch Vierge de Pitié und auf Englisch Lamentation.

Bereits im 14. und 15. Jahrhundert hat die plastische Gruppe des Vesperbildes eine zentrale Rolle in der deutschen Kunst eingenommen. Das Mittelalter und die damaligen, historischen Bedingungen haben signifikant zur Ausbildung dieses Andachtsbildmotives beigetragen. Im 17. Jahrhundert, im Zuge der katholischen Erneuerung und der tiefen Religiosität wurde dieses Motiv erneut aufgegriffen. Es wurde wichtiger Teil der Marienikonografie und war ein verbreitetes Thema in Nord-Europa, weniger verbreitet als das Marienbild (Madonna mit dem Jesuskind). In Süddeutschland haben sich Künstler mit dem Vesperbild intensiv befasst. Künstlerische Darstellung von Schmerz, Leid und Tod aber auch ideale Körperform und Erlösungshoffnung sind mit dem Vesperbild untrennbar verbunden.

Kunst und Kultur der Barockzeit sind im Zusammenhang mit dem Konzil von Trient (1545-63) zu betrachten. Mit den tridentinischen Prinzipien wurden Grundsätze über Verehrung und Darstellung religiöser Bilder entwickelt und festgehalten. Künstler schufen den Gläubigen die Inspiration zum intensiven Gebet.

Das Vesperbild im Oeuvre Abrahams II. Lotter

Im Bereich der Silberschmiedekunst kann man Anfang des 17. Jahrhunderts beobachten, dass reichliche vollplastische Silberfiguren für Kirchen und Dome entstanden sind. Diese Blüte der Silberplastik im großen Format spiegelt sich auch in kleineren Silberarbeiten wider. Darüber hinaus haben Hausaltare Augsburger Handwerker in der gleichen Zeit einen distinkten Charakter angenommen. Als Maßstab für diese gilt der Hausaltar Albrechts V. (Schatzkammer der Residenz, München; Meister: Abraham I Lotter und David Altenstetter, um 1573-4). Silberkrippen gehören wie Hausaltäre zur gleichen Kategorie: Silber kirchlichen bzw. religiösen Inhaltes.

Mit der Gattung Hausaltar und Silberkrippe war Abraham Lotter, Meister des vorliegenden Vesperbildes, sehr vertraut, denn es sind zwei Werke von ihm bekannt, die sein Talent und Können für plastische Figuren und architektonische Kunstwerken zeigen (s. Seling, Abb. 52 und 53). Eine beinahe übereinstimmende Darstellung Lotters findet man im Aufsatz des köstlichen und architektonischen Hausaltärchen der Maria Loreto in Prag. Der Prager Hausaltar wurde durch Gräfin Benigna Catharina von Lobkowitz 1626 gestiftet und die Silberarbeiten wurden von Abraham II. Lotter hergestellt. Im Übrigen befand sich eine Silberkrippe des Abrahams II. Lotter in den Sammlungen des Bayerischen Nationalmuseums (auf der Weltausstellung in Montreal 1967 gestohlen). Die figürliche Ausführung dieser Silberkrippe entspricht der des Hausaltars von Loreta in Prag.

Das vorliegende Vesperbild sowie die gestohlene Silberkrippe entsprechen beiden die Darstellungen des gleichen Themas des Loreta Hausaltars.

Schließlich kann man an der gesamten Gestaltung des Korpus Christi einen Einfluss von entsprechenden plastischen Werken des Bildhauers Giambologna (1529-1608) erkennen. Dem Meister Lotter war sicherlich die Figur des Kruzifixes vom Giambologna in der St. Michael Kirche (Jesuitenkirche) in München (1594) bekannt. Im Übrigen hatte der deutsche Schüler Giambolognas, Hans Reichle (um 1570-1642) die Kreuzigungsgruppe und insbesondere das Kruzifix in der Katholischen Stadtpfarrkirche St. Ulrich und Afra in Augsburg 1605-7 im Stile Giambolognas geschaffen. Die Figur Christi in der vorliegenden Pieta ähnelt diesen beiden Figuren.

Meister

Abraham II Lotter, Goldschmied, Sohn des Matthäus (evangelisch), geboren um 1580. Er wurde um 1613 Meister (1614: Eintritt in Schmiedezunft) und im gleichen Jahr heiratete. Er starb 1626. Andere bekannte Werke Abrahams II Lotter sind: Eine Silberkrippe, um 1620 (Seling, Abb. 52, ehemals Bayerisches. Nationalmuseum) und Hausaltar (vergoldet, Ebenholz) mit Krippe, Pieta und Salvator Mundi um 1625, Maria Loreto am Hradschin, Prag (Seling, Abb. 53).

Literatur

Finke, Jutta, Das Vesperbild in der Süddeutschen Plastik des 17. und 18. Jahrhunderts, Diss. LMU München, 1985.

Müller, Th., ‚Ein Augsburger Silberaltärchen in Prag‘, in: Hernmarck, C., Nordenfalk, C., Nationalmuseum, stockholm (Hrsg.), Opuscula in honorem C. Hernmarck, Stockholm: Nationalmuseum Stockholm, 1966, S. 159-66.

Zech, H., ‘When Christ became an astronomer: the contrasting history of two seventeenth-century Augsburg shrines’, in: Silver Society of Canada Journal, 2015, vol. 18, S. 12-30.

Avery, Ch., Radcliffe, Ant., Leithe-Jasper, M., Arts Council of Great Britain, Kunsthistorisches Museum Wien, Österreichisches Kulturzentrum (Hrsg.), Giambologna: Ein Wendepunkt der europäischen Plastik, Ausst. Kat., Wien: Kunsthistorisches Museum, 1978.

Jesuitenkirche St. Michael München, Regensburg: Verlag Schnell & Steiner/Kunstführer Nr. 130, 2016.