Spätrenaissance Setzbecher, Silber vergoldet, Nürnberg 1576/91

Spätrenaissance Becher, Silber vergoldet #265

Meisterzeichen: Lillie im geschweiften Schild für Christoph Lindenberger (1546/49-1586) (s. Nürnberger Goldschmiedekunst 2007, 0530a, oM)

Beschauzeichen: “N“  als Beschauzeichen für Nürnberg, Periode ca. 1576-1591 (s. Nürnberger Goldschmiedekunst 2007, no. 8)

Höhe: 7,7 cm (3,03 in.)

Detaillierte Informationen

Silber vergoldeter Spätrenaissance Becher, Nürnberg

Häufe- oder Satzbecher, Silber, vergoldet aus dem letzten Viertel des 16. Jahrhunderts. Der zylindrische Becher hat eine angemessene Höhe. Sein Korpus ist über einem runden, leicht gewölbten und gegossenen Fuß aufgesteckt. Der besonders breite Lippenrand ist an der Becheröffnung profiliert und wird in der Mitte des Korpus mit einem Ring abgeschlossen. Der obere Teil der Kuppa ist mit einem geätzten Maureskenfries verziert. Der untere Teil ist dekoriert mit einer aufwendigen Gravur von Blättern und Ranken. Zwischen Fuß und Becherkorpus befindet sich eine Verjüngung mit einem Eierfries.

Der Meister hat für die Dekoration der Kuppa und des Fußes sehr wahrscheinlich Vorlagebücher verwendet. Mit Blick auf diese Annahme kommen verschiedene Vorlagebücher von sehr bekannten Kupferstechern des 16. Jahrhunderts in Betracht. Seit den Antiken waren Blätter und Ranken ein beliebtes dekoratives Motiv für Möbel und architektonische Teile. Während des 16. Jahrhunderts  – und insbesondere in Verbindung mit der Musterung der Mauresken– waren solche Motive der Griechen und Römer sehr verbreitet.

In der Nürnberger Goldschmiedekunst wurde die Maureskendekoration erst am Anfang der 1540er Jahre von bedeutenden Meistern und Zeichnern – wie Georg Echter der Ältere, Virgil Solis, Veit Hirschvogel und Peter Flötner – angewendet. Die dargestellten Maureskendekorationen sind sowohl ein Zeichen meisterhaften Könnens als auch einer sorgfältigen und detailreichen Herstellung des Bechers.

Unter Berücksichtigung der Herstellungsperiode, gibt es verschiedene Vorlagebücher, die als Inspirationsquelle für unseren Becher in Frage kommen. Einerseits war Virgil Solis (1514-62) ein sehr produktiver Kupferstecher und Zeichner in Nürnberg. Sogar nach seinem Tod hat seine Witwe einen Assistenten von Virgil Solis geheiratet und die Werkstatt weitergeführt. Georg Echter der Ältere (1526-1586) hatte auch großen Einfluss auf Silberschmiede wie Christoph Lindenberger und Wenzel Jamnitzer. Andererseits waren französische Künstler, Kupferstecher und Verleger wie Bernard Salomon 1506-61) und Jean de Tournes (1504-64) Vorbilder auch im dekorativen Bereich. 1557 hatten sie die Metamorphosen von Ovid veröffentlicht, ein illustriertes Buch, welches Handwerker auch über Frankreich hinaus künstlerisch sehr beeinflusst hat. Dieses Buch enthält viele Friese, die Christoph Lindenberger möglicherweise inspiriert haben (s. beispielsweise hier).

Ein ähnlicher Becher des gleichen Meisters, jedoch ein besonders schön bearbeitetes Objekt befand sich in der Sammlung Alfred Pringsheim, München. Ein weiterer Becher, der nahezu identischer Dekor mit diesem Becher hat, befindet sich im musée Unterlinden, Colmar. Er war Teil des Schatzes des Trois-Epis, entdeckt im Jahr 1864 (s. hier und Chefs-d’oeuvre d’orfèvrerie allemande. Renaissance et baroque, Kat. Nr. 9, S. 96).

Meister

Christoph Lindenberger: Meisterprüfung am 03.01.1546; Bürgerrechtserwerb am 10.04.1549; Goldschmiedeeid und Zahlung des Meistergeldes am 24.04.1549; Geschworener 1557-1561; seit 1575 Genannter des Größeren Rates; Tod: 07.08.1586. Von Lindenberger sind einige bedeutende Kunstobjekte erhalten, z.B. zwei Renaissancepokale im British Museum, London (1568) und auch die Schubkarrengruppe (Allegorie der Gefräßigkeit) im Grünen Gewölbe, Dresden (um 1569-1576) (Hernmarck 1978: 110). Von Lindenberger sind noch weitere „Schubkarrengruppen“ überliefert, ikonografisch ungewöhnliche Scherzgefäße, die vor Völlerei und Trunksucht warnen. Von Lindenberger sind auch mehrere Satzbecher mit gegossenen Füßen und Mundstücken erhalten (Nürnberger Goldschmiedekunst 2007: Bd. I/T. 1, N. 530, 259). Nichtsdestotrotz wurde die Arbeit Lindenbergers bisher nicht systematisch, wissenschaftlich analysiert und es bleibt zurzeit fraglich, mit welchen Vorbildern, eigenen oder fremden Zeichnungen er gearbeitet hat.

Literatur

Beaujean, Dieter (compiled by) & Bartrum, Giulia (ed.), Hollstein’s German Engravings, Etchings and Woodcuts 1400-1700: Virgil Solis – vol. LXIII-LXX, Rotterdam: Sound & Vision Publishers, 2004.

Hernmarck, C., Die Kunst der europäischen Gold- und Silberschmiede von 1450 bis 1830, München: Beck Verlag, 1978.

Nürnberger Goldschmiedekunst 2007.-Nürnberger Goldschmiedekunst 1541-1868: Bd. 1: Meister, Werke, Marken. T. 1 Textband – T. 2 Tafeln; Bd. 2: Goldglanz und Silberstrahl: Begleitband zur Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum, Nürnberg, 20.09-2007-13.01.2008.

O’Dell-Franke, Ilse, Kupferstiche und Radierungen aus der Werkstatt des Virgil Solis, mit 1295 Abbildungen, Wiesbaden: Franz Steiner Verlag, 1977.

Bimbenet-Privat, M. & Kugel, A., Chefs-d’oeuvre d’orfèvrerie allemande. Renaissance et baroque, musée national de la Renaissance, château d’Ecouen, musée du Louvre, collections publiques françaises, éd. Faton: Dijon, 2017.

Smith, P. H., 2004, The Body of the Artisan: Art and Experience in the Scientific Revolution, Chicago: The University of Chicago Press