Reiseservice für Marchese Orazio Emilio Pucci di Barsento (1774-1824)

Objektnummer  # 196

Florenz: erstes Viertel 19. Jahrhundert

Meisterzeichen: MZ: „CODACCI im Trapez“ für die „Bottega di Codacci“ und G.C im Rechteck für Guiseppe Codacci, siehe: Bemporad, Argenti Fiorentini, S. 406, Nr. 207 a, 207b und 207c

H der Ecuelle 18,5 cm, Ø des Tellers 21,5 cm; Gesamtgewicht 852 g.

Detaillierte Informationen

Reiseservice, bestehend aus drei Teilen, in originalem, goldgeprägtem Lederkoffer, mit Schloss und Fallriegel, geschützt durch edle blaue Samtfütterung. Auf dem Deckel eingeprägt: Prägestempel “SOUVENIR”.

Silber; vergoldet, graviert, punziert, ziseliert, gegossen, mit eingraviertem Monogramm

Das elegante Florentiner Reiseservice aus der bedeutenden Werkstatt der Goldschmiedefamilie Codacci, besteht aus einer Ecuelle mit Deckel, Teller und Löffel.

Mittig im Spiegel des Tellers sowie auf dem Deckel der Ecuelle, ist das Wappen der Florentiner Adelsfamilie Pucci mit Blattkrone und Devise “CANDIDA PRAECORDIA” (weißschimmernd vor dem Herzen / reinen Herzens) eingraviert, das auch heute noch als Trademark des Pucci Modelabels eingetragen ist.

Auf dem Stielende des Löffels befindet sich die Monogrammgravur „OP“. Das Reiseservice wurde im Auftrag für Marchese Orazio Emilio Pucci di Barsento (1774-1824) hergestellt und in der Familie Pucci weitervererbt.

Die Familie Pucci di Barsento

Die Pucci wurden bereits urkundlich im 13. Jahrhundert erwähnt und zählen zu den ältesten und einflussreichsten Florentiner Adelsfamilien. Antonio Pucci (1350-nach 1416) war Politiker und Mitglied der Arte di Legnaioli. Er arbeitete als Architekt am Bau der Loggia della Signoria mit. Seine Nachfahren waren Kaufleute, Politiker, Bankiers und Kunstmäzene. Als Patrizier hatten sie wichtige politische Ämter in Florenz inne. Während der Renaissance waren die Pucci Verbündete der Medici. Sie gestalteten die Entwicklung von Florenz entscheidend mit. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts stellten die Pucci drei Kardinäle. 1662 erwarb Orazio Roberto Pucci das Lehen von Barsento (Bari) sowie den erblichen Adelstitel Marchese di Barsento. Orazio Emilio Pucci di Barsento (1774-1824) war von 1809-1813 Bürgermeister von Florenz, in genau jener Zeit als Élisa Baciocchi (die älteste Schwester Napoleons) als Großherzogin von Florenz im Palazzo Pitti residierte. Seine Nachfahren waren Roberto Orazio Pucci di Barsento (1822-1891) Diplomat und Förderer der Künste, dessen Enkel Orazio Pucci di Barsento (1880-1944) war der Vater des weltberühmten Modeschöpfers Emilio Pucci (1914-1992), dessen innovative Kompositionen aus Form und Farben die Modewelt revolutionieren sollten.

Die Bottega di Codacci

Angelo (Angiolo) di Codacci (tätig in Florenz zwischen 1773 und 1821) fertigte zahlreiche Arbeiten für die Chiesa di San Lorenzo sowie weitere Kirchen in Florenz an. Bis heute werden viele seiner Goldschmiedeobjekte im Tesoro della Basilica di San Lorenzo und in weiteren Florentiner Kirchen aufbewahrt, was auf die besondere Wertschätzung der Arbeiten hinweist.

Das Meisterzeichen „CODACCI im Trapez“ wurde von Angelo Codacci sowie seinen Söhnen, Filippo Codacci (belegt:1833) und Guiseppe Codacci (nachgewiesen in Florenz 1825-41) verwendet. Guiseppe unterzeichnet 1821 Zahlungsbelege der Bottega Codacci für die Chiesa di San Michele Visdomini. Offenbar übernahm er in diesem Jahr die Werkstatt seines Vaters und führte sie zusammen mit seinem Bruder Filippo Codacci weiter.

Eine Schreibkassette von Giuseppe und Filippo Codacci, die für 1833 dokumentiert ist, befindet sich im Museo degli Argenti in Florenz: Ihre Funktionalität wird durch die praktische rechteckige Form und klare Linien betont, jedoch gekonnt durch den gezielten Einsatz von Palmetten an den Ecken aufgelockert.

Alle drei Objektteile unseres Pucci-Reiseservices sind ausgezeichnet erhalten und von schwerer Qualität. Glatt polierte Flächen verbinden sich mit einer klaren, eleganten Formgebung: Tellerrand und Deckelrand der Ecuelle sind von einem aufwendig gearbeiteten Ornamentband, einem ionischen Kymation gerahmt. Die sparsame Verwendung von Dekor hebt die kunstvoll eingedrehten, aus Schwanenhälsen und Köpfen gebildeten Henkel der Ecuelle hervor und betont den fein gearbeiteten Adler, der sich gerade auf dem kugeligen Deckelknauf niederzulassen scheint. Die qualitativ hochwertige Ausführung in Verbindung mit stilvollem, edlem Dekor und klassizistischen Formen, war ein Markenzeichen der Bottega di Codacci, die in der Literatur dezidiert hervorgehoben wird.

Im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts waren klassizistische Gefäßformen in Verbindung mit kunstvoll geschwungenen Tierhälsen als Henkel oder Tierköpfen als Ausguss in Florenz besonders en vogue. Grund hierfür war der nachhaltige Einfluss französischer Goldschmiede vom Hof Napoleon Bonapartes, wie zum Beispiel von Martin-Guillaume Biennais: Élisa Baciocchi, die älteste Schwester Napoleons, lies ihr Paradeappartement im Palazo Pitti während ihrer Regierungszeit als Großherzogin in Florenz (zwischen 1809 und 1814) mit Seide, Brokat, Porzellan, Bronzen sowie Silberwaren aus Paris ausstatten. Francesco Fontani, der Kontrolleur des Handels beschwert sich bei Emilio Pucci (Bürgermeister von Florenz zwischen 1809-1813) darüber, dass die Florentiner Silberschmiede eher Silberobjekte vertreiben würden, als sie selbst herzustellen. Der Einfluss französischer Goldschmiede bestand schon zur Regierungszeit Ferdinands von Lothringen, dem Großherzog Ferdinand III. von Florenz. Er hatte zwischen 1790 und 1801 das silberne Tafelservice von Guillaume Biennais durch die Goldschmiedewerkstätten Scheggi und Gaetano Guadagni vervollständigen lassen. Eben diese Goldschmiedewerkstätten galten neben der Bottega di Codacci im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts als bedeutendste Goldschmiedewerkstätten von Florenz und arbeiteten wie die Bottega di Codacci für die Chiesa di San Lorenzo.

Marchese Oratio Emilio Pucci (1774-1824) hat gegen Ende seines Lebens unser Reiseservice von der Florentiner Goldschmiedewerkstätte Codacci erworben, denn diese stellte Goldschmiedearbeiten her, die à la mode française, dem von Frankreich ausgehenden klassizistischen Stil folgten, aber aus Florenz stammten, was dem ehemaligen Bürgermeister von Florenz sicher besonders am Herzen lag.

 

Provenienz

Wohl ehemals Slg. Hofrat Dr. Ernst Marquardsen, Bad Kissingen; verst. Kunstauktion Altkunst G.m.b.H., Freiburg im Breisgau, 27.-29. November 1928

Literaturhinweise

Bastianelli, Maria Elena: Argenti fra sacro e profane. Dall´invasione francese all´unità d´italia. 1800-1870, in: Bemporad: Argenti Fiorentini, Florenz 1993, Bd.1, S. 269-313, (hier insbesondere S. 274 und 278 zu den französischen Einflüssen auf die florentiner Goldschmiedekunst im 1. Viertel des 19. Jahrhunderts).

Bemporad, Dora Liscia: Argenti Fiorentini, Florenz 1993, Bd. 1; Bd. 3. (zu Marken und Werken der Familie Codacci).

Bemporad, Dora Liscia: La Marchiatura degli argenti dal XIV al XIX secolo, nelle norme della legislazione fiorentina, in: Bemporad: Argenti fiorentini, Florenz 1993, Bd.1, S. 317-330.

Burigana, Giovanni Alessandro: Marchi fiorentini della cittá e degli argentieri, Tavole di marchi dal XV al XIX secolo, in: Bemporad: Argenti fiorentini, Florenz 1993, Bd.1, S. 406, (zum Meisterzeichen der Bottega di Codacci: Nr. 207 a, 207b und 207c).

Dobler, Andreas (Hg.): Silber auf Reisen, Kat. Ausst., Schloß Fasanerie, (Sonderausstellung der Hessischen Hausstiftung 1991/1992), Museum Schloß Fasanerie, Eichenzell bei Fulda 1991.

Heitmann, Bernhard, Die deutschen sogenannten Reise-Service und die Toiletten-Garnituren von 1680 bis zum Ende des Rokoko und ihre kulturgeschichtliche Bedeutung, Hamburg 1979 [Ph.D. diss., Univ. of Munich].

 Mazzanti, Alessandra; Strocchi, Claudio; Bastinelli, Maria Elena: Repertorio di argenti punzonati o datati nel territorio fiorentino, Dai lorena a Firenze capitale 1737-1871, in: Bemporad: Argenti Fiorentini, Florenz 1993, Bd.3, Kat. Nr. 471, 472, 524, 530, 580, insb. 581, 605, 612, 613, 614, 615, 616, 617, 618, 628, 684.

Nardinocchi, Elisabetta; Sebregondi, Ludovica: Il tesoro di San Lorenzo di Firenze, Patrimonio di Oreficeria Adriatica, Florenz 2007, Kat. Nr. 28-32 (hier wird die Eleganz der Formensprache, das dekorative Repertoire, die Verwendung neoklassizistischer Formen, die hochraffinierte Herstellung und die besondere Qualität der Arbeiten aus der Werkstatt Codacci hervorgehoben).