REICH GRAVIERTER BAMBERGER MONATSBECHER NACH GRAPHISCHEN VORLAGEN VON JOST AMMAN UND MATTHIAS MERIAN D. Ä., UM 1650

Objektnummer : 

Beschauzeichen: Bamberg um 1650 (B im Rund) siehe R3, Bd. 1, S. 245, Nr. 1091

Meisterzeichen: „HP“ ligiert im Rund (R3, Bd. 1, S. 247, Nr. 1121)

Französische Importmarke „Schwan“ (gültig ab 29.06.1893)

Gravierte römische Ziffer II: Nummerierung eines Sets von 12 Bechern. Die Zahl 11 steht für den Monat November

Ziselierstrich

Maße: Höhe: 9,2 cm, (3 5/8 in.); Gewicht: 144 g (5,07 oz)

Prov: SAMMLUNG ROBERT G. VATER

Detaillierte Informationen

Detaillierte Informationen

Aufwendig gravierter Bamberger Monatsbecher mit Darstellungen zum Monat November und zugehöriger Inschrift; Szenen nach graphischen Vorlagen der bekannten Kupferstecher Jost Amman und Matthäus Merian d. Älteren.

Silber, teilvergoldet, gegossen, getrieben, graviert, punziert

Bereits ein erster Blick verdeutlicht, dass die einfache Grundform des auf flachem Boden stehenden, sich nach oben konisch erweiternden Bechers, im eklatanten Kontrast zur aufwendigen Gravur des Trinkgeschirrs steht. Die Vergoldung im Innern und am Lippenrand, hebt die für den Becher bedeutsame, vollständig umlaufende Inschrift effektvoll hervor. Sie lautet:

„DER WINTERMOND DEN WINTER SCHAFT NIMPT ALLGEMACH DEM FELDT SEIN KRAFT“

Auch wenn der „Wintermond“ uns heute im Zusammenhang mit den Monaten wenig bekannt ist, war dieser Begriff in der Spätrenaissance und Barockzeit in Süddeutschland geläufig: So schrieb der Nürnberger Meistersänger Hans Sachs (1494-1576):

„November, der Wintermond, der elfte Monat. / Nachdem der November eintritt, Der elft‘ Monat bringe anders nit, / Denn Reif, Eis und den kalten Schnee / Da ist keiner Frücht‘ zu hoffen je, // Da thut aufessen und zehr’n man, / Was in dem Sommer man gewann. / Wer nicht einsammlet rechter Zeit / In dem Monat groß Mangel leid’t“

Betrachtet man die äußerst detailliert dargestellten vier Einzelszenen auf dem Silberbecher, fällt auf: Drei der Szenen zeigen kleine Staffagefiguren, die inmitten einer herbstlich-winterlichen Landschaft, mit teils kahlen Bäumen agieren. Der unterhalb dem Versende stehende Bauer hingegen ist größer dargestellt, mit lässig über die rechte Schulter gelegtem Dreschflegel gezeigt und in den Vordergrund gerückt.

Die Darstellung des Bauern geht eindeutig auf Jost Ammans Radierungen zu den 12 Monaten zurück, die von Stephan Hermann 1588 in Ansbach publiziert wurde. Es handelt sich um das 11. Blatt der Serie mit der Aufschrift „NOVEMBER II.“ Nicht nur das vorangestellte linke Bein, die gesamte Körperhaltung, Kleidung, Hut, Pose und Dreschflegel, sogar das Ährenbündel zu Füßen des Bauern und der kahle Baum im Hintergrund, wurden vom Graveur direkt von der graphischen Vorlage übernommen.

Rechts davon, unterhalb der Worte „DER WINTERMOND“ befindet sich – ganz oben in den Wolken – eine Darstellung des Sternbildes Sagittarius (Schütze). Darunter zersägen zwei Waldarbeiter mit Hut, in auffallend enganliegender Kleidung, einen Baumstamm vor einem bereits teilweise entlaubten Waldstück. Im Hintergrund zwischen beiden Figuren ist ein kahler Ast zu erkennen. Zu Füßen der Rückenfigur liegt eine Axt am Boden.

Beide Holzknechte, von denen die Rückenansicht des Holzfällers mit betonten Pobacken besonders ins Auge sticht, ebenso wie der Ast, die Axt und das Tierkreiszeichen, sind einer Stichserie mit zwölf Monatsbildern mit Versen und Sternzeichen von Matthäus Merian d. Ä. entnommen, die 1620-1622 entstand und bei Peter Aubry verlegt wurde. Der Graveur verwendete nur die rechte untere Bildhälfte des Blattes „NOVEMBER“ und vermischte für die Darstellung des Tierkreiszeichens eine ältere sumerische Version des Steinbocks (Capricornus), die vor allem in historischen Sternkarten verbreitet war, mit dem Sternbild des Schützen (Sagittarius). Dem schießenden Kentaur bei Merian, verlieh er den schuppigen Schwanz eines „Ziegenfisches“ und schuf somit ein winterliches Mischsternzeichen. Durch die Übertragung der graphischen Vorlage auf den Silberbecher erscheint die Darstellung seitenverkehrt.

Ähnlich verhält es sich bei dem rechts davon dargestellten Holzhacker, der mit einem Hut bestückt, in Schrittstellung, mit erhobener Axt, beim Fällen eines Baumes gezeigt ist:

Einen Holzhauer in ähnlicher Kleidung, Montur und Haltung, findet man erneut auf einer Radierung von Matthäus Merian d. Ä. mit dem Namen „Biersee bey Basel“, 1601-1625. Allerdings ist der Baum bei Merian ganz abgeschnitten und liegend gezeigt, während der kahle Baum auf dem Becher aufrecht steht. Entweder gab es von Merian noch eine weitere unbekannte Darstellung, oder der Graveur hat eigene Ideen und Vorstellungen in die Bildgestaltung miteingebracht.

Die letzte der vier Darstellungen zeigt eine Wildschweinjagd mit drei beißenden Jagdhunden und einem mit ausgestrecktem Speer auf das Wildschwein einstechenden Jäger mit Hut und vorne gefälteltem Hemd. Diese Darstellung geht sicher auf die Radierung „Eberjagd“, eine Stadtansicht mit Jagddarstellung im Vordergrund von Matthäus Merian d. Ä. zurück, die 1600-1625 entstand und von der ebenfalls nur das rechte untere Drittel der Darstellung verwendet wurde.

Aus der Übernahme der herbstlich-winterlichen Szenen wurde kein flacher Abklatsch von Werken der berühmten Stecher Jost Amman und Matthäus Merian d. Älteren. Ganz im Gegenteil, durch das Verweben der Hintergründe und Einzeldarstellungen entstand ein neues, exzellent gearbeitetes Kunstwerk. Die Qualität der Gravuren ist außerordentlich und es gibt kaum Vergleichsobjekte mit ähnlich hohem Niveau. Das Victoria and Albert Museum in London besitzt einen Januar-Monatsbecher aus Straßburg, entstanden um 1560 von Courakt Grenter. Dieser verwendete als Vorlage einen Holzschnitt von Hans Sebald Behams bekannter Jahreszeitenserie von 1546/1547. Der Becher gehörte ebenfalls zu einer Serie von zwölf Bechern. Gravuren dieser Art und Qualität mit bekannten graphischen Vorlagen sind äußerst rar und haben sich selten erhalten.

Zum Meister „HP“:

Die Identität dieses außergewöhnlichen Goldschmieds und Graveurs liegt bislang im Dunkeln. Das Beschauzeichen B weist auf eine Entstehung des Bechers in Bamberg hin: Die Kombination dieses Beschau- und Meisterzeichens befindet sich laut Rosenberg (R3, S. 245, Nr. 1091 und S. 247, Nr. 1121) auf zwei weiteren Objekten: a) einem vergoldeten, reich gebuckeltem Ananaspokal mit „feingearbeitetem Blumenbukett“ (Schmeck) und kalt emaillierter Winzerfigur am Griff, der von der Sammlung Walter von Pannwitz veräußert wurde und im Katalog von Hugo Helbing, München 1905 als Nürnberger Arbeit um 1600 bezeichnet wurde ; sowie b) ein teilvergoldeter Abendmahlskelch mit Sechspassfuß und sechseckigem Nodus mit Inschrift von 1649 aus der Pfarrkirche Menringen. Helbing schrieb den Ananaspokal aufgrund seiner hohen Qualität dem Nürnberger Silber zu, während Rosenberg die Entstehung des Pokals aufgrund seiner Marken in Bamberg verortet. Der ausführende Meister dieses Bechers war nicht nur in der Lage erstklassige Vorlagen gekonnt miteinander zu kombinieren, sondern auch befähigt diese virtuos nach den Wünschen seines Auftraggebers umzusetzen.

Provenienz:

Der Becher stammt aus der bedeutenden Sammlung von Robert G. und Ilse Vater, die im 20. Jahrhundert in Frankfurt eine hochrangige Sammlung an europäischem Porzellan, Silber- und Golddosen zusammentrugen.

Literatur:

Bartrum Giulia (Hrsg.): The New Hollstein, German Engravings, Etchings und Woodcuts 1400-1700, Part I, Jost Amman, Rotterdam 2001, S. 25 Nr. 119 (Zu Jost Amman, November II, 1588)

Büsching, Johann Gustav: Hans Sachs ernstliche Trauerspiele, liebliche Schauspiele, seltsame Fastnachtspiele, kurzweilige Gespräch’, sehnliche Klagreden, wunderbarliche Fablen: sammt andern lächerlichen Schwänken und Possen, Nürnberg 1816, S. 277-278

R3, Rosenberg, Marc: Der Goldschmiede Merkzeichen, Band 1, Deutschland A-C, Frankfurt am Main 1922, darin S. 245-247. (insb. S. 245, Beschauzeichen für Bamberg, Nr. 1088 und 1091: „B“ im Rund; S. 247, Meisterzeichen Nr. 1121: „HP“ ligiert im Rund).

Wüthrich, Lucas Heinrich: Das druckraphische Werk von Matthäus Merian d. Ae., Einzelblätter und Blattfolgen, Bd. 1, Basel 1966, S. 84, Nr. 362, Abb. 158 (November); S. 97, Nr. 405, Abb. 185 (Eberjagd); S. 127, Nr. 499, Abb. 279 (Biersee bey Basel)

 

Online Ressourcen:

https://archive.org/details/hanssachsernstl00bsgoog/page/n310/mode/2up?q=wintermond (Hans Sachs, November)

http://kk.haum-bs.de/?id=j-amman-wb3-0096 (Jost Amman, Radierung 1588)

http://kk.haum-bs.de/?id=m-merian-ab3-0105 (Matthäus Merian, November, 1620-1622)

http://diglib.hab.de?grafik=c-geom-2f-00194 (Matthäus Merian, Biersee bey Basel, 1601-1625)

https://www.deutschlandfunk.de/fabelwesen-im-sueden-der-uralte-steinbock-ziegenfisch-100.html (zum Ziegenfisch)

http://diglib.hab.de?grafik=c-geom-2f-00244 (Matthäus Merian, Eberjagd, 1600-1625)

https://collections.vam.ac.uk/item/O91614/beaker-grenter-courakt/ (Monatsbecher Courakt Grenter, Victoria & Albert Museum, um 1560)