Silber Paar Exceptioneller Englischer Terrinen im Stile von Sir William Chambers

Objektnummer: #604

London 1774/5
Meister: John Parker I und Edward Wakelin (Grimwade Nr. 1602)

Höhe: 32 cm; Länge: 45 cm; Tiefe: 22 cm; Gewicht: je 4.900 g.

Detaillierte Informationen

Das vorliegende Paar Terrinen mit Deckel und Einsatz stellen ein hervorragendes Objekt des Englischen Silbers dar. Nicht nur ihre Form, sondern auch die dekorativen Elemente sowie die Kombination von Klassizismus und Naturalismus deuten auf eine mögliche Arbeit des bedeutenden Englischen Architekten Sir William Chambers hin.

Die Terrine hat eine gewölbte Vasenform und steht auf ausladender, ovaler Basis. Die zentralen, dekorativen Motive auf dem Korpus und dem Deckel des Gefäßes sind die Godronen. Diese alternieren mit einem Zungenfries, unterbrochen von naturalistischen Rosetten. Als Krönung des Deckels dient ein gegossener Knauf in der Gestalt einer Artischocke. Die seitlichen Henkel enden in Akanthusblättern. Mittig des Korpus sind gegossene Kartuschen aufgesetzt mit graviertem, zeitgenössischem Wappen. Das Wappen gehört Sir George O’Brien (Wyndham), 3rd Earl of Egremont (1751-1837).

Die Terrinen höchstwahrscheinlich ein Entwurf des Sir William Chambers

Durch den Vergleich mit identifizierten Objekten, die von Sir William Chambers (1723-1796) entworfen wurden, sowie durch weitere Recherchen kann von einem Entwurf des Architekten im Auftrag des 3. Grafen von Egremont ausgegangen werden.

Bei vielen Objekten in öffentlichen und privaten Sammlung kann man die gleichen oder sehr ähnlichen, dekorativen Elemente beobachten, die typisch und wesentlich für Chambers sind. Nach neuester Forschung war William Chambers besonders aktiv in Bezug auf Silber-Design hauptsächlich zwischen ca. 1767 und 1772. Diese Tätigkeit verringert sich nach diesem Zeitraum nach aufgrund seiner zunehmenden Aufträge für große Bauprojekte in London. Chambers hat meistens Entwürfe für Gebrauchssilber nach einem bestimmten Auftrag gefertigt. Die Herstellung der Objekte – und eventuell auch Anpassung der Endentwürfe – wurden von Londoner Silberschmieden übernommen. Wakelin und Parker sind die Meister von vielen existierenden Stücken, deren Design Chambers zugeschrieben sind. Unter ihrer Führung wurden auch Objekte durch andere Meister hergestellt.

Zum Thema des Designers ist bei näherer Betrachtung als erstes Vergleichsbeispiel eine Glocke aus Silber zu erwähnen. Diese, auch sogenannte Blenheim dish cover (s. Young 1987, S. 400, Abb. 6), wurde von Parker und Wakelin 1769 hergestellt und hat den exakt gleichen Artischockenknauf. Die Glocke wurde von William Chambers entworfen nach einem Auftrag des George Spencer, 4. Herzog von Marlborough (s. dazu Sir William Chambers: Architect to George III, p. 152, fig. 222).

Außerdem sind viele dekorative Elemente der Terrine, hergestellt für den 4. Herzog von Marlborough, sehr ähnlich zu denen der vorliegenden Terrinen. Diese sind: der gewölbte Körper (ein französischer Einfluss), die dicken Godronen auf dem Deckel, die ovale Basis sowie der Fries auf dem Gefäß. Insbesondere den Fries kann man auch in vielen Zeichnungen von John Yenn (1750-1821) finden. Yenn hat als Lehrling und Zeichner für Chambers gearbeitet und war sehr vom Architekten beeinflusst. Als Beispiele können zwei Entwürfe für Terrinen von Yenn im Victoria & Albert Museum aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erwähnt werden, die im Stile von William Chambers gefertigt wurden: hier und hier kann man sie online sehen. Darüber hinaus, die Zierrate des Frieses – eine Art von zusammengebundenen Schilfen – kommen bei mehreren Terrinen, die von Chambers entworfen wurden, vor (s. bspw. ein Paar Terrinen von Chambers für den 10. Grafen von Pembroke in Young, 1996, S. 150, Abb. 214).

Noch ein dekoratives Element sehr markant für Chambers ist der Knauf, der oft naturalistische Gestaltung einnimmt, sowie die seitlichen Henkel, die ähnlich naturalistisch gebildet sind. In Bezug auf die Henkel existiert eine Zeichnung von Chambers und Yenn im Victoria & Albert Museum, welche sehr ähnliche Henkel zu unseren Terrinen zeigen. Ein ähnlicher Henkel ist bei der Zeichnung einer Kanne, die von Yenn entworfen wurde, in der Sammlung des Sir John Soane’s Museums zu sehen.

Zusammenfassend kann jedenfalls angenommen und festgestellt werden, dass der Architekt ein besonders Interesse an Gegenständen aus Silber für die Innenausstattung hatte und sehr wahrscheinlich der Schöpfer des Entwurfes der vorliegenden Terrinen ist. Ein weiteres Argument zugunsten dieser Annahme ist auch die Tatsache, dass Chambers Objekte für spezifische Kunden und nach bestimmtem Auftrag konzipiert hat. Der Auftraggeber der vorliegenden Terrinen, eine bedeutende Persönlichkeit, kann nur seinen Auftrag bei einem Architekten-Designer aufgegeben haben und nicht einfach bei einem Silberschmied.

Andererseits waren Parker und Wakelin mit der Arbeit von Chambers sowie seine visuelle Sprache sehr vertraut. Wenn Chambers nicht der Designer sein sollte, ist es auch möglich, dass die Meister vorhandene Entwürfe von Chambers benutzt haben, um ihre Auftrag im Stile von Chambers herzustellen. Bedauerlicherweise wurde bis jetzt keine originale Zeichnung der Terrinen identifiziert. Man kann sich daher auf der Grundlage der vorliegenden Informationen der einen oder der anderen Annahme zuwenden.

Sir George O’Brien (Wyndham), 3rd Earl of Egremont (1751-1837)

Wyndham, 3. Graf von Egremont (1751-1837) vom Petworth Haus in Sussex und Orchard Wyndham Haus in Somerset war ein britischer peer (Adler), bedeutender Grundbesitzer und geschätzter Kunstsammler und Kunstmäzen. Er fügte seinem Namen O’Brien hinzu nachdem er von seinem Onkel Ländereien in Irland geerbt hatte. Mit 12 folgte er 1763 seinem Vater. 1767 meldete er sich am Christ Church Oxford an. Während der 1770er führte er zwei Grand Tours in Italien durch – eine sehr beliebte Aktivität für Adlige in Großbritannien und Europa. Auch wenn er sich gegen eine politische Karriere entschloss, nahm er gelegentlich an der Politik teil als Mitglied der Whig Partei. Nichtdestotrotz war seine Rolle in politischen Entscheidungen eher beschränkt.

Ohne Zweifel war sein größtes Vermächtnis die Kunst- und Künstlerförderung: William Turner (der ein Atelier in Petworth Haus hatte), John Constable, John Flaxman und Benjamin Robert Haydon gehören zu den Künstlern, die am meisten von der Unterstützung von Egremont profitierten. Alle fanden die friedliche Atmosphäre des Petworth Houses – der Sitz des Grafen in Sussex – wichtig für ihr Werk. Seine Philanthropie ist außerdem durch die Finanzierung von öffentlichen Projekten nachgewiesen. Es wird geschätzt, dass er, in einer Periode von sechs Jahren, ca. 1.200.000 Pfund für wohltätige Zwecke ausgegeben hat.

Der Graf sammelte darüber hinaus französische Möbel und schätzte Kunstgewerbe sehr. Das kann man auf der Basis von Zeichnungen des Petworth Houses im British Museum sehen (s. bspw. zwei hier und hier).

Egremont hat eine geplante Eheschließung mit Lady Maria Walpole, Enkeltochter des Premierministers Sir Robert Walpole, abgesagt. Als die Absage bekanntgemacht wurde, beschrieb Sir Walpole den Grafen als „a most worthless young fellow“ [= „ein komplett wertloser junger Kerl“]. Seine zukünftige Frau, Elizabeth Ilive, gab ihm sechs außereheliche Kinder und eins nach ihrer Eheschließung, welches aber in der frühen Kindheit starb. Der Graf hatte bekanntlich circa 15 Geliebte und circa 40 außereheliche Kinder. Er starb mit 86; Nachfolger wurde sein Neffe, George Francis Wyndham. 1845 starb das Haus mit diesem aus. Egremont hatte zweifellos ein volles Leben. Die Unterstützung von George II. 1752 bei seiner Taufe und der Aufstieg an die Macht von Queen Victoria sechs Monate vor seinem Tode zeugen die Vielfältigkeit seiner Lebenserlebnisse.

Sir William Chambers 

William Chambers wurde in Schweden geboren und in London gestorben. Er ist viel gereist und hat neben anderen Ländern auch China besucht. Er studierte Architektur seit 1749 an der École des Arts in Paris und von 1750 bis 1755 in Italien. Viele seiner Zeichnungen dieser Periode befinden sich in seinem sog. Französisch-Italienisches Album (‘Franco-Italian’ album) im Victoria & Albert Museum. Chambers zog 1755 nach London, wo er 1759 sein einflussreiches Werk Treatise on Civil Architecture veröffentlichte. Chambers konnte seinen Stil entfalten in manchen wichtigen, öffentlichen Gebäuden in London (z.B. das Gower (später Carrington) Haus und Melbourne Haus). Er hatte auch Einfluss auf die Gartenarchitektur. Er wurde 1782 Leiter des öffentlichen Amtes für government building und als solcher hat er das Somerset Haus in London realisiert. Sogar Friedrich der Große (1712-1786) zog in Betracht Chambers als Nachfolger des erkrankten Hofarchitekten Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff (1699-1753) nach Berlin zu holen.

Meister: die Silberschmiede Sebastian und Edward Wakelin waren tätig als Meister und Händler. John Parker, Sohn von Thomas Parker, hat bei George Wickes gelernt. John Parker und Edward Wakelin führten gemeinsam eine Werkstatt von 1758 bis 1777.

Literature

Young, Hilary, ‘Sir William Chambers and the Duke of Marlborough’s Silver’ in Apollo 12.5 (Juni 1987), S. 396–400.

Young, Hilary, ‘Silver, Ormolu and Ceramics’ in Harris, J. und Snodin, M. (Hrsg.), Sir William Chambers: Architect to George III, Yale University in assoc. with the Courtauld Institute of Art, London: New Haven and London, 1996.

National Trust Images: https://artuk.org/discover/artworks (zuletzt aufgerufen 19. Juli 2017).

Sidney Lee (Hrsg.), Dictionary of National Biography, Bd. 63 (Wordsworth-Zuylestein).

MacMillan & Co, Smith, Elder & Co., New York City-London 1900, S. 244.

https://en.wikipedia.org/wiki/George_Wyndham,_3rd_Earl_of_Egremont#cite_ref-5.