Nürnberger Renaissancebecher, Silber vergoldet, mit aufwendiger Gravierung

Objektnummer : 243

Nürnberg, 1569–1576

Meister: Primus Dortaller

Meisterzeichen: X-förmige Hausmarke mit Balken im Kreis (Tebbe/Timann/Eser 2007, S. 96, Nr. 162, R3, Nr. 3903)

Silber, vergoldet, getrieben, punziert, graviert, geätzt

Höhe: 11 cm (4 1/3 in.); Gewicht: 148 g (5.2 oz.)

Detaillierte Informationen

Detaillierte Informationen

Nürnberger Vermeil-Silberbecher mit fein gearbeitetem Mauresken- Beschlagwerk- und Schlangenhautdekor

Ein Becher wie aus Tausend und einer Nacht: Der Nürnberger Trompetenbecher besticht durch seine elegante, langgezogene Form. Er erhebt sich über einem runden Fuß, dessen Boden nach innen gewölbt, aufwendig mit Schlangenhautdekor verziert ist.

Der überbordende Dekor der Becherwandung im maurischen Stil, verziert mit Beschlagwerk und Rollwerksdekor, kombiniert mit qualitätvoller Feuervergoldung, ist in dieser Ausprägung nur auf wenigen Objekten der Nürnberger Goldschmiedekunst zu finden. Das aus der islamisch/maurischen Kunst übernommene Motiv der Maureske, besteht aus stilisierten Ranken, Blättern und Blüten. Es war bereits im 12. und 13. Jahrhundert in die Kunst des Abendlandes eingewandert und besonders in der Renaissancezeit zwischen 1520 und 1600 ein beliebtes, da exotisch wirkendes Dekorationselement.

Unterhalb des Lippenrandes umzieht ein breites Band den Becher. Von diesem Gliederungselement aus, entwickeln sich nach oben und unten hin, geometrisch angeordnete, eingerollte Spiralen und ornamental aufgefasste Ranken. Sie hinterschneiden sich, formen spielerisch angeschnittene Herzen und bilden zur Bechermitte hin eine sechsblättrige Blüte. Aus den breiteren Bändern und Spiralen wachsen bewusst asymmetrisch angelegte, zierlich eingerollten Blüten und Blattranken hervor.

Der Wechsel von scheinbarer Symmetrie und spannungsvoll angeordneten Asymmetrien lädt zur genaueren Betrachtung des Bechers ein. Als graphische Vorlagen kommen insbesondere Radierungen von Virgil Solis in Frage, bei dessen Mauresken-Entwürfen geometrisch angeordnete, breite Roll- und Bandornamente, feinste eingerollte, stilisierte Ranken, Blätter und Blüten umgeben. Virgil Solis reizt das Spiel von Symmetrie und Asymmetrie, von Über- und Hinterschneidungen der Ranken und die kunstvolle Anordnung der Bänder als Gliederungselement in seiner Folge „Aussgetailt spiczen zu gross unnd kleine Werck“ aus. Seine Entwürfe könnten Primus Dortaller als Vorbild gedient haben.

 

Nürnberger Goldschmiedekunst um 1570

An Nürnberger Bechern und Pokalen zwischen 1560 und 1580 war geätzter Mauresken- Beschlag- und Rollwerkdekor am Lippenrand sehr beliebt. Im Gegensatz zu Paulus Tullner der den geätzten Maureskendekor, wie die meisten seiner Zeitgenossen vornehmlich am Lippenrand seiner Pokale und Becher einsetzt, überzieht Dortaller seinen schlank gearbeiteten Trompetenbecher vollständig mit dem exotischen Dekor. Eine weitere Besonderheit des von überbordendem Ornament verzierten Bechers, bildet der mit Schlangenhautdekor überzogene Becherboden. Der von Dortaller geschaffene Trinkbecher kann daher in mehrerlei Hinsicht als qualitativ und kompositionell hervorragendes Objekt der Nürnberger Goldschmiedekunst bezeichnet werden.

 

Meister

Primus Dortaller war ein zwischen 1550 und 1578 in Nürnberg ansässiger Goldschmied, der von 1561 bis 1565 als Geschworener tätig war. Er schätzte 1563, zeitgleich mit Paulus Tullner, Gregor Türck und Peter Treptau, Kleinodien eines Schuldners: Seine enge Verbindung zu diesen Goldschmieden ist aus den Quellen ersichtlich. Wie bei zahlreichen Meistern seiner Zeit war von Dortaller bislang nur ein Pokal aus der Rüstkammer des Moskauer Kremls bekannt. Auch die Cuppa jenes Pokals ist mit Buckeln, plastischen Köpfen sowie dem um 1560 sehr beliebten Mauresken-Ornament verziert.

 

Literatur

Tebbe, Karin, Timann, Ursula, Eser, Thomas: Nürnberger Goldschmiedekunst 15411868, Band I, Meister, Werke, Marken, Teil 1: Textband, Nürnberg 2007, S. 95f., MZ 0162, S. 501, BZ 07 bitte um Abgleich, ich konnte es nicht gut sehen, danke

Tebbe, Karin, Timann, Ursula, Eser, Thomas: Nürnberger Goldschmiedekunst 15411868, Band I, Meister, Werke, Marken, Teil 2: Tafeln, Nürnberg 2007

Tebbe, Karin: Nürnberger Goldschmiedekunst 1541-1868, Band II, Goldglanz und Silberstrahl, Nürnberg 2007 (zu Pokalen und Bechern um 1560 mit graviertem Beschlagwerk- und Maureskendekor am Lippenrand, siehe S. 800, insb. Nr. 262, S. 811, Nr. 285–286, S. 816, Nr. 297–298, S. 847 Nr. 372, S. 848, Nr. 373, S. 849, Nr. 376, S. 932, Nr. 572 (zu Trompetenbecher mit graviertem Dekor um 1558/1562, siehe S. 935, Nr. 583) (zu großflächig mit Beschlag-, Rollwerk- und Maureskendekor überzogenen Bechern, siehe S. 761, Nr. 158, S. 763, Nr. 169)

Marc Rosenberg: Der Goldschmiede Merkzeichen, Band 3, Deutschland N Z, Frankfurt am Main 1925, S. 91, MZ 3903 (siehe: https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/rosenberg1925bd3/0103%20/ zuletzt aufgerufen am 11.12.2021)