Silber vergoldeter Muschelpokal mit Venus und Mars, Augsburg, 17. Jahrhundert

Objektnummer: #288

Augsburg 1660

Matthäus Schmidt

Beschauzeichen: ein „Pyr“ für Augsburg, 1660

Meisterzeichen: „MS“ im runden Schild für Matthäus Schmidt (Seling Nr. 1621)

Höhe: 30,5 cm (12,01 in.)

Gewicht: 378 g

Silber vergoldeter Muschelpokal mit Venus und Mars

Der vorliegende Pokal stellt ein sehr interessantes Trinkgefäß des Barock dar. Die muschelförmige Kuppa steht auf einem hohen, gewölbten, getriebenen und passigen Fuß.  Dieser ist reich und typisch für das Barock mit voluminösen Blumen dekoriert. Über dem hochgezogenen Fuß erhebt sich ein Schaft mit Blattspangen, zwei Extremitäten und mit einer männlichen, gegossenen Figur in der Mitte. Der Schaft ist in einem Stück gegossen.  Die Figur ist in einem modischen Kostüm des 17. Jahrhunderts gekleidet, trägt lange Haare und hält eine Hellebarde in der rechten Hand, typisches Merkmal für Landsknechte. Die Kuppa hat die Gestalt einer Muschel, ist getrieben und der hintere Teil ist hoch nach oben geschweift. Innerhalb des Hecks und eines gegossenen Teiles in Form einer Welle emergiert wie aus dem Meereswasser eine gegossene, weibliche Figur, auf Blattspangen stehend. Diese weibliche Figur ist höchstwahrscheinlich Venus und zwar Venus marina. Dies lässt auch vermuten, dass die männliche Figur mit der Hellebarde, eine Verbindung zu dem Gott Ares/Mars darstellt. Ares/Mars war der Gott des Krieges in der griechischen und römischen Mythologie. Im Zusammenhang mit Venus und Mars, die ein Liebespaar repräsentieren, dürfte dieser Pokal aus dem Anlass einer Eheschließung entstanden sein. Die Marken sind an allen drei Teilen legiert – am Fuß, an der Kuppa und am Teil in Wellenform. Tremulierstiche sind an der Kuppa und unten am Fuß gebracht.

Ein ähnlicher Typus dieses Pokals ist im The Holburne Museum zu sehen.

Der Pokal in seinem historischen und kunsthistorischen Kontext

Alkoholtrinken in der Öffentlichkeit wurde seit dem 16. Jahrhundert nicht mehr negativ beurteilt. Ganz im Gegenteil war das exzessive Trinken eine Großtat. Der Adel zeigte sogar seine Kräfte im Trunk. Frauen waren außerdem beim Trinken nicht zurückgeblieben. Im 17. Jahrhundert kam es also häufig vor, feste Trinkgewohnheiten beim Tisch bei der gehobenen Gesellschaft zu schaffen.

Die zentrale Rolle des Alkohols (hauptsächlich Wein und Bier) lässt sich auch durch die Vielfältigkeit der Trinkgefäße verstehen. Der Pokal findet im 16. und 17. Jahrhundert eine Vielzahl von naturnachahmenden Formen und wird auch mit unterschiedlichen Exotika und Naturalien hergestellt. Nautiluspokale, Kokosnusspokale, Turboschneckenpokale sind einige bekannte Typen des 17. Jahrhunderts. Pokale mit muschelförmiger Schale sind ebenfalls sehr beliebt. Die besondere Form des Pokals und auch die Höhe des Gefäßes stellen auf jeden Fall noch ein besonderes Merkmal bzw. ein Statussymbol für den Trinkenden dar.

Venuspokale oder Venusschale wie sich jene Gefäße, die Venus als Hauptfigur haben, nennen, sind im 17. Jahrhundert besonders beliebt. Ein besonders schönes und aufwendig ausgeführtes Beispiel einer solchen Schale von den Meistern Gottfried Döring (Goldschmied) und Paul Heermann (Elfenbeinschnitzer) kann man im Grünen Gewölbe in Dresden bewundern.

Vorbilder und Ikonografie

Der vorliegende muschelförmige Pokal mit Venus marina als Hauptfigur bezieht sich auf existierende zeitgenössische Abbildungen von Venus. Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Meister von einer 1652 entstandenen Zeichnung des Jakobs von Sandrart (1630-1708), Kupferstecher, Verleger und Gründer der Maler-Akademie (1662) in Nürnberg, wo Venus marina, Galatea oder Fortuna di mare dargestellt ist (s. Kupferstich-Kabinett, Staatliche Kunstsammlungen Dresden) inspiriert wurde.

Die Figur des Schaftes als Mars muss im Zusammenhang mit anderen, zahlreichen Darstellungen des Liebespaares Venus und Mars in verschiedenen Kunstwerken betrachtet werden. Mars als zeitgenössischer Landsknecht mit Hellebarde als Ordonnanzwaffe begegnet uns auch bei älteren Darstellungen, wie beispielsweise auf dem Cover des Practica Teütsch von Christophe Höchstetter (1522).

Mars neben Venus stellt eine kompositorische Einheit für den Pokal, ein Symbol der Liebe dar. Aus diesem Grund lässt es sich auch annehmen, dass der Pokal für  eine Eheschließung des Auftraggebers hergestellt wurde.

Meister

Matthäus Schmidt wurde um 1659 Meister Goldschmied in Augsburg und ist 1696 gestorben. Es sind mehrere Trinkgefäße von ihm, insbesondere Pokale in privaten und öffentlichen Sammlungen erhalten. Ein Pokal in Muschelform vom Meister befindet sich z.B. in der Sammlung Neresheimer (Kat. Nr. 35). Dieser zeigt wieder antike Vorbilder, die vom Meister benutzt wurden.