Kunstvoll ausgeführter Augsburger Rokoko-Becher mit Fischerszenen, Silber vergoldet

Objektnummer: #244

Augsburg, 1751–53
Johann III Mittnacht

Beschauzeichen: „Pyr“ mit „K“ für Augsburg, Periode 1751–53 (Seling 2007, Nr. 2050)
Meisterzeichen: Monogramm „IM“ im Oval für Johann III Mittnacht (Seling 2007, Nr. 1560)
Auf dem Fuß zwei Importmarken des 19. Jahrhunderts: „12•D“ im Rechteck und „R“ in querrechteckigem Schild mit halbkreisförmigen Ausbuchtungen an den Seiten
Höhe: 8,5 cm (3,3 in.); Gewicht: 113 g

Provenienz: Nachlass Dr. Helmut Seling, München.

Lit. und Abb.: Seling 1980, Bd. I, S. 195 und Bd. II, Abb. 1020
Vergleichsabbildungen: Seling 1980, Bd. II, Nr. 957 und 1022

Detaillierte Informationen

Dieser elegante, gänzlich vergoldete Silberbecher ist ein Meisterwerk der Augsburger Goldschmiedearbeit des Rokoko. Sein ovaler, nach oben ausschwingender Körper steht auf einem glatten, eingezogenen Fuß, der die vierpassige Form des Körpers aufgreift. Die Wandung des Bechers wird durch die abwechselnd punzierten und glatt belassenen Flächen zwischen den großen Rocailleornamenten, die bis zum Lippenrand reichen, rhythmisch gegliedert. Besonders zu betonen ist hier, wie fein die Punzierung ist, über die Johann III Mittnacht mittels Ziselierung ein schuppenförmiges Muster gelegt hat. Damit ist der thematische Bezug zu den figürlichen Szenen hergestellt: Zwischen den Rocaillen tummeln sich reliefartig getrieben eine Dame und zwei Kavaliere in Begleitung eines Hundes beim Fischfang im Schilf. Der Kavalier mit dem Kescher über der Schulter hält seine stolze Beute – einen großen Fisch – bereits in seiner Linken. Seinen linken Fuß stützt er auf eine Kiste, die vermutlich die Köder enthält. Er blickt hinüber zu der edlen Dame, die an einer Quelle mit der Rute angelt, die sie in ihrer Rechten hält. Neben ihr ist der zweite Kavalier schwer beladen: Über seinen rechten Arm hat er ein Netz geworfen, unter dem linken Arm hält er eine Reuse. Über seiner rechten Schulter trägt er einen Fischspeer. Seinen Hut zieren drei prächtige Federn. Im darauffolgenden Bildfeld nähert sich der Hund drei Fischen, die am Ufer liegen. Über ihm setzt ein Vogel zum Sturzflug an, um ihm die Beute streitig zu machen.

Figuren in Rocaille-Landschaft

Figuren in einer Landschaft aus Rocaillen darzustellen, war ein beliebtes Motiv des Rokoko, das seinen Ursprung in Augsburg hatte. Vor allem der dort wirkende Zeichner und Kupferstecher Johann Esaias Nilson (1721–1788) schuf um die Jahrhundertmitte einen ganzen Kosmos dieser Szenen, die sich durch Kupferstichbände in ganz Europa verbreiteten und zahlreiche Nachahmer in den verschiedensten Medien fanden.
Der vorliegende Becher entsprach zur Zeit seiner Herstellung also der neuesten Mode.

Fischerei als Zeitvertreib des Adels

Bereits seit dem Mittelalter genoss der Adel das Fischen und insbesondere das Angeln als erholsamen Zeitvertreib, auch wenn es nie den Stellenwert der Jagd erreichte.
Während Jagdszenen im 18. Jahrhundert auf Gemälden, Tapisserien und Fresken ausgesprochen häufig dargestellt wurden, sind Angelszenen sehr viel seltener zu finden (z.B. im The Metropolitan Museum of Art). Meist waren sie Bestandteil von Zyklen, die die unterschiedlichen Formen der Jagd darstellten. Zur Jagd und dem Angeln gehörte außerdem der Vogelfang.

Auch als Dekor für edles Tafelgeschirr waren Jagdszenen ausgesprochen beliebt, schließlich erinnerten sie die Tafelgesellschaft an die dem Festschmaus gegebenenfalls vorangegangene gemeinsame Jagd. Dementsprechend waren diese Objekte meist Teil der Ausstattung von Jagdschlössern und wurden bei Essen verwendet, die etwas zwangloser waren, als die ganz dem strengen Hofzeremoniell unterworfenen Diners. Fischfangszenen wie auf unserem vorliegenden Becher sind hingegen ausgesprochen selten und machen dieses hervorragend gefertigte Objekt besonders kostbar.

Meister: Johann III Mittnacht wurde 1706 in eine angesehene evangelische Augsburger Goldschmiedefamilie geboren. Arbeiten seines Großvaters Johann I Mittnacht befinden sich beispielsweise im Metropolitan Museum of Art in New York. Unser Silberarbeiter wurde 1735 Meister und heiratete im darauffolgenden Jahr Jakobina Baur, Tochter des Augsburger Goldschmieds Hans Jakob III (um 1655–1703) sowie Witwe des Augsburger Goldschmieds Paul Michael Sprockhoff (um 1669–1735). 1758 verstarb Johann III Mittnacht in Augsburg.
Zwar fertigte Johann III Mittnacht auch Humpen und Kannen, seine Spezialität waren jedoch Becher. Ein etwas früherer, in seiner Anmutung dem unseren aber sehr ähnlicher Becher von Johann III Mittnacht befindet sich im Bayerischen Nationalmuseum in München.

Literatur
Haug, Ingrid, Fischer, Fischfang, in: RDK Labor (Zugriff am 11.1.2018).
Helke, Gun-Dagmar, Johann Esaias Nilson (1721–1788). Augsburger Miniaturmaler, Kupferstecher, Verleger und Kunstakademiedirektor, München: scaneg 2005.
Seling, Helmut, Die Augsburger Gold- und Silberschmiede 1529-1868, Bd. I-III, München: Beck Verlag, 1980 und 2007.