Augsburger silberner Gläserkühler mit englischer Provenienz

Objektnummer: #321

Augsburg 1708-10

Familie Gelb, wohl Johann Caspar III Gelb

Beschauzeichen: Pyr für Augsburg 1708-1710 (Seling 2007, S. 46, Nr. 1320)

Meisterzeichen: ein Pik für Familie Gelb, wohl Johann Caspar III Gelb (Seling 2007, S. 480, Nr. 2018)

Länge: 38,6 cm (15,20 in.), Gewicht: 2.754 g.

Detaillierte Informationen

Augsburger Gläserkühler aus Silber

Der große rundovale, silberne Gläserkühler ruht auf vier gegossenen Löwenfüßen. Der gewölbte Kessel des Gefäßes zeigt auf der Wandung Bandelwerk und dekorative Régence Elemente auf punziertem Grund. Dazwischen schmücken in Wiederholung gehörnte, bärtige Köpfe den Rand. An zwei Seiten dienen groteske Masken als Befestigung für bewegliche Griffe. Leicht eingezogen steigt darüber ein hoher, mäßig nach außen gebogener, achtfach ausgeschnittener Rand auf. Die schildförmigen Partien zeigen – unter einem Baldachin ähnlichen Dach – kunstvoll gestaltete Mondgöttinnen, wahrscheinlich die Göttin Diana/Artemis oder Selene. Die beiden mittleren Lappen sind mit dem Allianzwappen des Generals John William Egerton, 7th Earl of Bridgewater (1753-1823), und seiner Frau Gemahlin Charlotte Catherine Anne dekoriert.

Am Boden ist im Inneren eingraviert: „GEORGE LEVESON GOWER FROM ADELBERT EARL BROWNLOW“.

Provenienz

General John William Egerton, 7th Earl of Bridgewater (1753-1823); Francis Henry Egerton, 8th Earl of Bridgewater (1756-1829); Bruder John Hume Cust, Viscount Alford (1812-1851); Großneffe John William Spencer Brownlow Egerton Cust (1842-1867), 2nd Earl Brownlow; Sohn Sir Adelbert Wellington Brownlow Cust, 3rd Earl Brownlow (1844-1921); Bruder George Leveson Gower (1858-1951).

Das Allianzwappen gehört General John William Egerton, 7th Earl of Bridgewater (1753-1823), und seiner Gattin, Charlotte Catherin Anne, Tochter von Samuel Haynes. Er übernahm den Titel, als sein erster Cousin starb. Als William Egerton starb, ging der Titel auf seinen unverheirateten Bruder Francis Henry Egerton (1756-1829) über.

Der 8th Earl war ein Exzentriker, vor allem bekannt für seine Dinner-Parties für Hunde. Diese waren immer modisch gekleidet und trugen jeden Tag ein neues Paar Schuhe. Die schon benutzten Schuhe wurden in einer Reihe aufgestellt, um die Vergangenheit zu visualisieren. Der British Library stiftete der 8th Earl eine sehr wichtige Sammlung von Manuskripten und instituierte darüber hinaus den Fonds Egerton, welcher die Akquise von 3.800 zusätzlichen Manuskripten erlaubte.

Der Besitz wurde von seinem Großneffen, John Hume Cust, Viscount Alford (gest. 1851), Sohn von Amelia Sophia Hume (Nichte des 7th und 8th Grafen) und Sir John Cust, 1st Earl Brownlow, geerbt.

1898 hat Sir Adelbert Wellington Brownlow Cust, 3rd Earl Brownslow (1844-1921) den Gläserkühler an George Granville Leveson-Gower (1858-1951) als Hochzeitsgeschenk gegeben (siehe Gravur). Die zwei Männer waren durch die Grafen von Bridgewater verwandt.

Gläserkühler (Monteith)

Im 18. Jahrhundert wurden manche Getränke nur gekühlt getrunken, daher mussten die Gläser temperiert werden. Dafür wurden spezielle Gefäße, die Gläserkühler, mit Eiswasser gefüllt. Der eingeschnittene Rand ermöglichte es, die Gläser kopfüber einzustellen, sodass der Kelch im kalten Wasser heruntergekühlt werden konnte.

Die Form des Gläserkühlers wurde erst im letzten Viertel des 17. Jahrhunderts gebräuchlich. Angeblich kam er zunächst in England und nicht – wie man vermuten würde – in Frankreich auf. Die Bezeichnung des Gefäßes als „monteith“ oder “monteith bowl” leitet sich von einem schottischen Edelmann ab und wurde 1683 zum ersten Mal erwähnt.

Gläserkühler aus Silber sind heute sehr selten. Aufgrund des intrinsischen Wertes des Silbers wurden sie als Gefäße mit hohem Silbergehalt eingeschmolzen, um (z.B. wenn Krieg war) Münzen daraus zu prägen, wenn die finanziellen Mittel erschöpft waren.

Frühe Exemplare aus England sind den Sammlungen des Metropolitan Museum, New York und des Victoria & Albert Museum, London, erhalten geblieben. Gläserkühler wurden teilweise auch aus anderen Materialien hergestellt, vor allem aus Porzellan. Diese treten heute weitaus häufiger auf.

Meister

Der erste Silberschmied aus der Familie Gelb war Melchior I Gelb, der um 1581 in Ulm geboren wurde. Er ging bei Hans IV Pfleger in Augsburg in die Lehre. Um 1614 wurde er Meister. Die Schaffenszeiten der Familienmitglieder Matthias I, Melchior I und Johann Caspar III Gelb begannen im frühen 17. Jahrhundert und setzten sich bis ins 18. Jahrhundert fort.

Literatur

Karl Hernmarck: Die Kunst der europäischen Gold- und Silberschmiede von 1450-1830, München 1978.

Helmut Seling: Die Augsburger Gold- und Silberschmiede 1529 – 1868. Meister Marken Werke, München 1980 und 2007.

Klaus Pechstein et al. (Hg): Schätze deutscher Goldschmiedekunst. Vom 15. bis zum 20. Jahrhundert aus dem Germanischen Nationalmuseum, Berlin 1987.

Hans Ottomeyer (Hg): Die öffentliche Tafel. Tafelzeremoniell in Europa 1300-1900. Begleitband zur Ausstellung. Wolfratshausen 2002.

Bayerisches Nationalmuseum, Edel gekühlt in Silber (zuletzt aufgerufen 14.11.2018).