ELEGANTER SCHWEINFURTER TRINKSPIEL-BECHER DER SPÄTRENAISSANCE

Objektnummer  

Beschauzeichen: Schweinfurt um 1600 (Adler mit geschweiftem Rand) siehe Scheffler 1977, S.44, Nr. 84; Rosenberg 1911, Band 2, S. 595, Nr. 3416

Meisterzeichen: „AH“ im Achteck: Adam Hälbich (auch: Helbich, um 1600 – 1626 (Scheffler 1977, S.47, Nr. 89; Rosenberg 1911, Band 2, S. 595, Nr. 3422)

Französischer Importstempel

Maße: Höhe: 11,4 cm, Fuß: 5,9, am Lippenrand 8,3; Gewicht: 154 g

Detaillierte Informationen

Schweinfurter Trinkspiel-Becher mit Allianz-Wappen, Inschrift, nummeriert 2, 1615

Silber, teilvergoldet, gegossen, getrieben, graviert, punziert

Allianzwappen von Michael Höllerich & Margaretha Schuler (Hochzeit am 8. Januar 1594, St. Johanniskirche Schweinfurt)

Am Becherboden (unterseitig) eingravierte Inschrift: “IETZ.EINER.EIM.VIL.GVTE. // WORT:GIBT // ABER.SEIN.HERTZ.DAVON.WE // IS.LAVTER.NICHTS”. // 1615., nummeriert “2” und datiert 1615.

Detaillierte Informationen:

Eleganter Schweinfurter Renaissancebecher aus dem Besitz der Ratsherrenfamilie Schuler

Der konisch geschwungene Schweinfurter Becher fußt auf einem flachen Standring, der sich zum Lippenrand hin nur minimal erweitert. Die elegante, schlanke Becherform wird durch reiche Dekoration besonders hervorgehoben. Die obere Hälfte der Becherwandung ziert ein aufwendig gravierter Rollwerkdekor: Eine schmale Bordüre umzieht den leicht ausgestellten Lippenrand des Bechers. Die eingerollten Blütenranken, Knospen und bereits geöffneten Blüten werden kunstvoll durch stilisierte Gemmen und trapezförmige Steine gegliedert. Vom umlaufenden Dekor aus ragen in regelmäßiger, symmetrischer Anordnung, fein gearbeitete, mittig gebündelte und eingerollte Blattranken nach unten. Die klar strukturierte, auf einem imaginären Gitterwerk angelegte Komposition, spiegelt noch das Kompositions- und Ordnungsprinzip der Renaissance wider. Die Verwendung des rein symmetrisch angebrachten Bandwerkdekors mit eingedrehten Akanthusranken verweist hingegen schon in den Frühbarock. Polierte, ungegliederte Flächen kontrastieren mit klar strukturiertem, symmetrisch angeordnetem, fein gearbeitetem Dekor. Die kunstvoll gravierten Bordüren und Rankengebilde sind durch die bewusst eingesetzte Teilvergoldung besonders effektvoll hervorgehoben und führen gekonnt zu einer Nobilitierung des Bechers.

Das Beschauzeichen (Adler mit geschweiftem Rand) verweist auf eine Entstehung des Bechers in Schweinfurt. Die Kombination dieses Beschau- und Meisterzeichens befindet sich laut Rosenberg (R², S. 595, Nr. 3416 und 3422) auf einem vergoldeten Kelch mit Engelsköpfen, Früchten und Wappen.

Allianz-Wappen:

Am Boden des Trinkgefäßes ist das Allianzwappen der Schweinfurter Familien Höllerich und Schuler eingraviert, das zu Ehren der Eheleute von einem gebündelten Laubkranz umrahmt wird: Auf der Seite des Mannes (links) befindet sich das Hauszeichen und Monogramm MH, das mit Michael Höllerich, einem Sohn des Schweinfurter Ratsherren und Bürgermeisters Johann Höllerich (1541-1614) in Verbindung gebracht werden kann. Auf der Seite der Frau (rechts) ist ein Wappenschild, bestehend aus zwei gekreuzten Partisanen mit dem Monogramm MS zu sehen, das Margaretha Schuler, der Tochter des Schweinfurter Ratsherren Willibald Schuler zugeordnet werden kann.

Inschrift:

Zu den Besonderheiten des Bechers zählt die eingravierte Inschrift am Boden: “IETZ.EINER.EIM.VIL.GVTE. // WORT:GIBT // ABER.SEIN.HERTZ.DAVON.WE // IS.LAVTER.NICHTS”. // 1615. Darüber befindet sich die Nummer 2.

Der Denkspruch weist eindeutig auf die Nutzung des Gefäßes als „Trinkspiel“ hin, das in der Frühen Neuzeit weit verbreitet war: Der mahnende Denkspruch zur Maßhaltung ist an versteckter Stelle am Unterboden des Gefäßes angebracht und wird erst nach dem Anheben des Bechers beim Trinkgenuss sichtbar. Je öfter der Becher beim feuchtfröhlichen Trinkgelage gehoben wird, desto häufiger erscheint die Wiederholung des Spruches mit seiner süffisanten Warnung: Man solle nicht vergessen, dass mit dem Anstieg des Alkoholpegels die Worte überschwänglicher, jedoch Herz (und Verstand) nachlässiger werden. Die Nummerierung 2 weist auf die Zugehörigkeit zu einem Bechersatz hin. Ein Becher mit Denkspruch am Boden war auch in der Ausstellung des Bayerischen Nationalmuseums München: „Der Silberbecher – Variationen eines Trinkgefäßes von der Renaissance bis zur Gegenwart“ vom 28. März – 29. Juli 2012 zu sehen.

Vergleichsobjekte:

Zwei vergleichbare Objekte mit Beschauzeichen der Stadt Schweinfurt und der Meistermarke KG (wohl von dem Goldschmied Kilian Gerstner) sowie den Initialen WS und MH tragen die Datierung 1616 und 1618. Sie sind bei István Heller 2000, S. 248-250, Tafel XXVIII abgebildet.  Dort irrtümlich einem siebenbürgischen Meister zugeordnet. Die drei Becher weisen große Ähnlichkeiten im Dekor und am Becher von 1616 auch eine partielle Vergoldung der gravierten Partien auf. Auf dem Becher von 1618 befindet sich außerdem ein Wappenschild mit zwei gekreuzten Partisanen, darüber die Initialen WS, die Willibald Schuler II., dem Bruder der Margaretha Schuler zugeordnet werden können, daneben befindet sich das Wappen von dessen Frau mit den Initialen MH für Magdalena Hübner, die er am 24.11.1605 in Schweinfurt geheiratet hatte. Es ist anzunehmen, dass die drei Becher ehemals zum „Schulerschen Familiensilber“ gehörten.

Meister:

Das Meisterzeichen „AH“ ordnet Scheffler 1977, S. 47 dem Meister Adam Hälbich (ca. 1572-1626) zu. Dieser war zweimal verheiratet und als Goldschmied in Schweinfurt tätig. Bei Scheffler werden zwei weitere Objekte mit dem Meisterzeichen „AH“ aufgeführt: Ein Kelch mit Sechspaßfuß, reichem Treibwerk und dem Stifterwappen Erthal aus dem Jahr 1626 sowie ein Deckelpokal, der 1963 in München bei Weinmüller versteigert wurde.

Literatur:


Heller, István.: Ungarische und siebenbürgische Goldschmiedearbeiten. Vom Ende des 16. Jahrhunderts bis zum Ende des 19.Jahrhunderts, München 2000, S. 248-250, Tafel XXVIII. (Die später Kilian Gerstner zugeschriebenen Becher waren hier der Meistermarke Meister „KO“ oder „KG“, einem unbekannten Meister aus Siebenbürgen zugeordnet.).

Rosenberg, Marc: Der Goldschmiede Merkzeichen, 2. vermehrte Auflage, Frankfurt am Main 1911, darin S. 594-595. (insb. S. 595, Beschauzeichen für Schweinfurt Nr. 3416: Adler mit geschweiftem Rand; Meisterzeichen Nr. 3422: „AH“ im Achteck).

Scheffler, Wolfgang.: Goldschmiede an Main und Neckar: Daten – Werke – Zeichen, Vorläufige Ermittlungen, Hannover 1977, S. 44. (zum Schweinfurter Beschauzeichen), S. 47 (zu Adam Hälbich/Helbich).

Scherner, Antje: „Gestern bin ich voll gewest“: Alkohol und Trinkspiele in der Frühen Neuzeit, in: Die Faszination des Sammelns, Meisterwerke der Goldschmiedekunst aus der Sammlung Rudolf-August Oetker, hrsg. Von Monika Bachtler, Dirk Syndram und Ulrike Weinhold (Ausstellung im Grünen Gewölbe Dresden und im Bayerischen Nationalmuseum München 2012), S. 91-99 (zum Trinkverhalten und Trinkspielen in der Frühen Neuzeit).

Online Ressourcen:

https://www.bayerisches-nationalmuseum.de//fileadmin/images/ausstellungen/2012/oetker_silberbecher/Silberbecher_Flyer_.pdf

Mohr, Otto: „Rat der Reichsstadt Schweinfurt. 1553-1802“:

https://www.schweinfurtfuehrer.de/persönlichkeiten/rat-der-reichsstadt-schweinfurt-von-1553-1802/

http://www.sw.om-mohr.de/ratsh/schulerw2.htm

http://www.sw.om-mohr.de/ratsh/hoellerichj.htm