Objektnummer  

Beschauzeichen: „Augsburger Pyr mit K“ für Augsburg 1751-1753 (Seling 1980, Nr. 231; Seling 2007, Nr. 2050)

Meisterzeichen: Emanuel Abraham Drentwett (1723-1770), tätig zwischen 1750-1770 (Seling Nr. 2407); Löffel mit Meisterzeichen: Johann Ludwig Laminit (1696-1752), tätig zwischen 1726-1752, (Seling Nr. 2183)

Höhe der Écuelle mit Deckel: 13,5 cm; Durchmesser des Présentoirs: 23 cm; Länge des Löffels: 19 cm; Gewicht zusammen: 1.280 gr

Detaillierte Informationen

Écuelle mit Deckel, Présentoir und Löffel mit originalem Futteral; sog. „Wöchnerinnen-Garnitur“

Silber, vergoldet, getrieben, graviert, ziseliert, punziert, gegossen, mit Tremolierstrich

Detaillierte Informationen:

Einzigartige Augsburger „Rokoko-Écuelle“

Die Augsburger Écuelle (auch Wöchnerinnenschüssel genannt) besteht aus einer runden Deckelschüssel mit bauchig gewölbtem, reich bewegtem, wellenförmig gearbeitetem Korpus. Das untere Drittel der Schüssel ist eingeschnürt, deutlich schmaler werdend, glatt belassen und poliert. Der Standfuß ist in geschweifter Form elegant nach außen gebogen. Die gewölbten Partien des Deckels und die Wandung in der Mitte der Schüssel, werden von fein gearbeitetem, aufwendigem Rokokodekor dominiert. Sie stehen im Kontrast zu dem glatt belassenen, mehrfach profilierten Lippen- und Deckelrand des Gefäßes. Die Wandung und der aufgewölbte Deckel sind in gewellter Form getrieben und mit fein ziseliertem, graviertem und punziertem Rokoko-Dekor versehen, der das Gefäß wellenartig umzieht: Eingerollte Blätter, Blüten, Rocaillen, C-Schwünge und Voluten werden durch gravierte und punzierte Fischhaut aufgelockert. Teile des aufwendig gearbeiteten Rankenwerks treten reliefplastisch hervor. Die gewellte Form des Deckels unterstützt die Plastizität des gravierten Dekors gekonnt. Der gegossene Knauf in der Mitte des Deckels gleicht einer sich öffnenden Blütenknospe, von der aus stilisiertes Blattwerk nach unten wächst und einen Übergang zum reich geschwungenen Rokoko-Dekor bildet. Zwei geschweifte, spielerisch nach oben geschwungene Blattmuscheln scheinen aus dem Gefäß herauszuwachsen. Sie sind auf beiden Seiten waagrecht angebracht und dienen als Handhaben der Ècuelle. Der meisterhafte Einsatz verschiedenster Goldschmiedetechniken versetzt das Gefäß gleichsam in Bewegung.

Présentoir:

Der aufwendige Rokokodekor wird am Présentoir weitergeführt. Er komplementiert jenen der sog, „Wöchnerinnenschüssel“: auch hier kontrastiert der glatt polierte Spiegel mit den am Tellerrand sichtbaren reich dekorierten Außenflächen. Vier reliefplastisch gearbeitete, hervortretende Blattmuscheln strukturieren das Présentoir. Sie verbinden den mehrfach profilierten, geschweiften Rand des Präsentiertellers mit dem kunstvoll gravierten, ziselierten und punzierten Dekorband, das aus wellenförmig ineinander übergehenden C-Schwüngen, Rocaillen, Blattwerk- und Blütenarrangements besteht und mit jenem der Écuelle korrespondiert.

Löffel:

Der formschön geschwungene Löffel ist in seinem Dekor dem Ensemble zugehörig: Das verbreiterte Ende des Stiels schmückt ein fein gearbeiteter Rokoko-Dekor: Reliefplastisch hervortretende, eingerollte Blattranken, C-Schwünge und Rocaillen erheben sich vor einem fischhautartigen Hintergrund: Analog zur Dekoration von Présentoir und Teller, gehen die C-Schwünge in eingerollte Blattranken über. Die Zusammengehörigkeit des Ensembles wird zudem durch die Verwendung derselben Blütenformen an Prèsentoir, Écuelle und Löffel hervorgehoben, was die einheitliche Wirkung der Garnitur unterstreicht.

Rotes Samtfutteral

Das ursprüngliche rote Samtfutteral mit Goldlitze, eigens angefertigt zum Schutz von Présentoir, Écuelle und Löffel, kontrastiert mit der warmen Feuervergoldung des Ensembles und ist nur in seltenen Fällen erhalten.

Zu den Besonderheiten der Wöchnerinnen-Garnitur, zählt neben den Teilen des Original-Futterals, die sehr seltene Vollständigkeit des Ensembles. In den meisten Fällen sind heute nur noch Einzelteile solcher Service vorhanden. Bei der Augsburger Rokoko- Wöchnerinnengarnitur handelt es sich um eine Écuelle par exellence: sie ist reich und aufwendig verziert, besticht durch ihre bewegte Formensprache, die fließend ineinander übergehenden Formen und ihre elegante Leichtigkeit.

Die Écuelle wurde am Tisch aber vor allem während der zeremoniellen Morgentoilette für das Servieren des Frühstücks verwendet. Das Objekt ist also meistens ein wichtiger Bestandteil von Toilettenservicen. Écuelle wurde auch als Geschenk an junge Mütter verwand, deshalb wird sie auch „Wöchnerinnenschüssel“ genannt. Schüsseln ähnlicher Form werden in Bild- und Schriftquellen seit der Renaissance erwähnt.
Wöchnerinnenschüssel wurden von Frauen, die ein Kind geboren hatten, benutzt um Brei zu essen. Breigefäße wurden in wohlhabenden Familien benutzt und waren aus Metall zumeist aus Silber.

Écuelle, wie die vorliegende, wurden auch von einem Présentoir begleitet (vgl. Smithsonian Design Museum – Cooper Hewitt, Object ID 18429523).

Meister:

Emanuel Abraham Drentwett, „ED“ (1723-1770) (Seling Nr. Seling Nr. 2407). Der Silberarbeiter Emanuel Abraham Drentwett war ein Sohn des Emanuel Drentwett (Seling Nr. 2056). Als Familienmitglied der berühmten Augsburger Goldschmiede-Dynastie, führte er dessen Tradition weiter. Er wurde 1750 Meister und war bis 1770 in Augsburg tätig. Von ihm sind aus den Jahren 1554-1763 zahlreiche religiöse und sakrale Goldschmiedeobjekte bekannt, die sich in diversen Kirchen und Museen befinden: Eine Messgarnitur im Kölner Dom, eine Pontifikal-Lavabo-Garnitur im Bischöflichen Domkapitel Eichstätt, Saucieren aus dem berühmten Hildesheimer Tafelservice im Bayerischen Nationalmuseum sowie 12 runde Platten von dem Hildesheimer Tafelsilber im Roemer Museum Hildesheim, tragen seine Meistermarke. Bei der vorliegenden Rokoko Écuelle handelt es sich der Marke nach um eine frühe Arbeit des berühmten Meisters.

Johann Ludwig Laminit „IL” (1696-1752) (Seling Nr. Seling Nr. 2183). Johann Ludwig Laminit, ein Sohn des Silberarbeiters Abraham Laminit (Seling Nr. 1864), war Silberarbeiter in Augsburg. Er wurde 1726 Meister und war bis 1752 in Augsburg tätig. Johann Ludwig Laminit war auf kleinere Silberobjekte spezialisiert und fertigte zwischen 1734 und 1743 zahlreiche Bestecke an, darunter Reisebestecke und Löffel aber auch eine Gewürzdose und Lichtputzscheren. Objekte mit seiner Meistermarke befinden sich unter anderem im Thurn und Taxis Museum in Regensburg, einem Zweigmuseum des Bayerischen Nationalmuseums München.

Das vorliegende Rokoko-Ensemble besticht nicht nur durch seine besonders schöne Formgebung und seinen Erhaltungszustand, sondern auch seine Entstehungsgeschichte. Es ist ein ausgezeichnetes Beispiel für die enge Zusammenarbeit hochspezialisierter Meister in dem weltberühmten Goldschmiedezentrum Augsburg, das zahlreiche Ornamentstichvorlagen des Rokokos hervorbrachte. Die auf verschiedene Bereiche spezialisierten Silberarbeiter fertigten in Gemeinschaftsarbeit Aufträge für hochrangigste Auftraggeber aus ganz Europa an. Dabei verhalf ihnen das breitgefächerte Formenrepertoire, der bewusste Einsatz von Asymmetrie, und die Systematik in der Organisation, bei großen Aufträgen zu Weltruhm. Die Wöchnerinnengarnitur – mit ihrem wellenförmig angebrachten Dekor und ihrem einheitlichen Gesamtbild, das durch das erhaltene Originalfutteral noch vorteilhaft hervorgehoben wird – entstand in perfekter Zusammenarbeit zweier spezialisierter Augsburger Meister.

Provenienz:

Kunsthandel Lempertz, München 2020; Kunsthandel Fischer-Böhler, München 1976; westfälische Privatsammlung

Literatur:

Seling, Helmut, Die Augsburger Gold- und Silberschmiede 1529-1868, Meister, Marken, Werke, München, Bd. III, München 1980, Nr. 231 (Beschauzeichen „Pyr mit K“ 1751-1753); zu den Meisterzeichen: Seling Nr. 2183 (Meisterzeichen „IL“); Seling Nr. 2407 (Meisterzeichen „ED“).

Seling, Helmut, Die Augsburger Gold- und Silberschmiede 1529-1868, Meister, Marken, Werke, München 2007, zum Beschauzeichen: Seling Nr. 2050; zu den Meisterzeichen: Seling N