Ein Paar äußerst seltene, qualitätvolle Tassen aus Toledo, Silber

Objektnummer  166

Toledo, ca. 1650

Beschauzeichen/Stadtmarke: TO ligiert für Toledo: Siehe: Fernández, Alejandro; Munoa, Rafael; Rabasco, Jorge (Hrsg.): Enciclopedia de la Plata española y Virreinal americana, Madrid 1984, S. 223, Nr. 1296

Maße: Höhe: 8 cm, Gewicht: 334 g.

Detaillierte Informationen

Die beiden qualitätvollen Tassen aus Silber entstanden in der Mitte des 17. Jahrhunderts im spanischen Toledo. Sie gehören in Form und Dekor eindeutig zusammen und bilden ein selten erhaltenes Ensemble.

Über einem zweifach profilierten Standfuß erhebt sich eine ovale, reich verzierte Cuppa, an die ein eleganter nach oben hin, spitz zulaufender Griff angefügt wurde. Vom zierlich gedrehten Fuß der beiden Tassen, ranken 6 plastisch hervortretende, in der Mitte gebündelte Akanthusranken empor, die von Bukranienköpfen (mit Laub geschmückten Ochsenschädeln) bekrönt sind. Diese werden von einer gravierten, stilisierten Blattkartusche eingerahmt. Das obere Drittel der Tassen ist durch zwei horizontale Ornamentbänder verziert: Einem fein gearbeiteten, schmalen, kettenähnlichen Ornamentband, das nach Larousse einem „piécettes“-Fries ähnelt und darüberliegend, einem stilisierten, aus geometrischen Mustern zusammengesetzten Ornamentfries: Jener besteht aus alternierend angebrachten, runden und rechteckigen (in Silber gefertigte) „Edelstein-Imitationen“ sowie stilisierten Eidechsen. Beide Friese werden oben und unten von einem Profilband eingerahmt.

Domestisches Silber aus dem Spanischen Goldenen Zeitalter:

Frühe spanische Silberobjekte, die zum häuslichen Gebrauch bestimmt waren, haben sich nur in sehr seltenen Fällen erhalten und sind besonders rar. Die beiden wunderschönen Tassen mit qualitätvoller Dekoration, entstanden um die Mitte des 17. Jahrhunderts in Toledo. Aus dieser Zeit haben sich vor allem die sogenannten „Jarros de Pico“ erhalten, die als Gießgefäße, meist für den häuslichen Gebrauch, bestimmt waren.

Stilistisch eng verwandt sind unsere beiden Toledoer Tassen mit den sogenannten „Jarros de Pico“ aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Sie wurden in bekannten Goldschmiedezentren Kastiliens wie Sevilla, Córdoba und Toledo, im „Philipp II. Stil“ hergestellt: Dieser verband klassische Formen mit architektonischen Zierelementen und beeinflusste die Ausführungen der „Jarros de Pico“ bis weit in die Mitte des 17. Jahrhunderts hinein. Die klassische Gefäßform, klare Gliederung durch horizontale Ornament-Bänder, sowie die Verwendung antikisierender Dekorationselemente waren Merkmale dieser bedeutenden Epoche der Spanischen Goldschmiedekunst und zeigen sich auch an unseren beiden Trinkgefäßen. Naturgemäß ist bei unseren Tassen der bei den „Jarros de Pico“ funktional bedingte Ausguss mit „Maskarons“ nicht vorhanden.

Laut Charles Oman haben sich aus Toledo keine gemarkten Goldschmiedeobjekte aus dem 16. Jahrhundert erhalten. Dennoch ist uns aus Quellen überliefert, dass es dort ein bedeutendes Zentrum der Goldschmiedekunst gab.

Ganz offensichtlich ließ sich der ausführende Goldschmied unserer Gefäße von Objekten wie jenem „Jarro de Pico“ von Hernando de Ballesteros aus Sevilla inspirieren. Ein „Jarro de Pico“ der evtl. dem Sevillaner Goldschmied Pedro de Zubieta zugeschrieben werden kann und zwischen 1587 und 1597 entstand, ähnelt diesem sehr. Er befindet sich im Instituto de Valencia de Don Juan, dass die wohl bedeutendste Sammlung von spanischen Gießgefäßen aufbewahrt. Die große Ähnlichkeit dieser „Jarros de Pico“ zu unseren Toledoer Tassen zeigt sich in der Unterteilung der Cuppa in drei horizontale unterschiedlich breite Ornamentfelder, 6 vom gedrehten Fuß emporrankende, gebündelte Akanthusranken mit Bukranien und der dahinter befindlichen einrahmenden Kartusche. Die Verwendung von Akkanthusranken, aus denen Bukranien herauszuwachsen scheinen, ist bei weiteren Objekten aus der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts aus Kastilien bzw. Aragon bekannt (siehe Fig. 224 im Katalog des Victoria and Albert Museums von 1968).

Der Ornamentfries mit „Edelstein-Imitationen“ und stilisierten Eidechsen, sowie der aus Kettengliedern bzw. „piécettes“ bestehende Fries, deuten auf eine Kombination europäischer und außereuropäischer Dekorationsformen hin: Im 17. Jahrhundert machen sich in der spanischen Goldschmiedekunst Einflüsse außereuropäischer Ornamentformen aus den von Spaniern bereisten Gebieten bemerkbar. So nimmt eine silberne Truhe aus der Mitte des 17. Jahrhunderts mit Toledoer Marken die Ornamentformen einer Elfenbeintruhe aus Südindien oder Ceylon auf. Bereits unter Kaiser Karl dem V. waren im Zuge spanischer Exkursionen und Eroberungen in den 1520er Jahren erste mexikanische Kunstschätze nach Kontinentaleuropa gelangt. Fremdartige Ornamentformen aus zuvor unerforschten Regionen der Erde erreichten Europa und wurden von Künstlern, wie Albrecht Dürer mit Faszination betrachtet.

Wie eng der Austausch der „neuspanischen Länder“ von Guatemala, Mexiko und Südamerika mit Spanien war, zeigt sich insbesondere an den Goldschmiedearbeiten aus Mexiko, das auch als „Nueva España“ bezeichnet wurde: Die dortigen Goldschmiedewerkstätten waren sehr streng vom spanischen Mutterland kontrolliert. So besaßen die Objekte bis zu vier verschiedene Goldschmiedemarken, darunter die „Corona“, während sich auf Kastilischen Objekten des 17. Jahrhunderts meist zwei Marken: das Meister- und das Beschauzeichen befindet. Charles Oman betont, dass sich die spanischen Goldschmiedeobjekte nur anhand der Marken von den mexikanischen Goldschmiede-arbeiten unterscheiden lassen. Auch wenn der geometrische Fries am oberen Rand der Cuppa an Darstellungen stilisierter Eidechsen, wie sie in Mexiko und Polynesien gleichermaßen verbreitet waren erinnert, weisen die Tassen eindeutig die kontinentalspanische Marke TO auf, was eindeutig für eine Entstehung in Toledo spricht.

Die beiden wunderbar gearbeiteten, qualitätvollen Tassen aus Spanien sind nicht nur aufgrund ihres guten Erhaltungszustandes als Paar eine Besonderheit, sondern spiegeln aufgrund ihrer aufwendigen und außergewöhnlichen Dekoration einen bedeutenden Teil der spanischen Kulturgeschichte wieder.

Literatur

Esteras Martín, Cristina: Marcas de platería hispanoamericana, siglos XVI – XX, Madrid 1992, S. XVI-XXXIII (zur Goldschmiedekunst und den Goldschmiedemarken in Mexiko, Guatemala und Südamerika), S. XXII (zum kettenähnlichen Fries an einem Mexikanischen „Jarro de Pico“).

Fernández, Alejandro; Munoa, Rafael; Rabasco, Jorge (Hrsg.): Enciclopedia de la Plata española y Virreinal americana, Madrid 1984, S. 223, Nr. 1296 (zur Toledoer Marke) S. 408, Nr. 1233 (zum „Jarro de Pico“ von Hernando Ballesteros) sowie S. 468 (weitere Vergleichsobjekte).

Fernández, Alejandro; Munoa, Rafael; Rabasco, Jorge (Hrsg.): Marcas de la Plata Española y Virreinal, Madrid 1992, S. 17, 117-122 (zu Toledoer Marken).

Gell, Alfred: Art and Agency: An Anthropological Theory, Oxford University Press 1998, S. 171, (8.7, The table of Etua Motifs).

Larousse, Pierre: Larousse universel en 2 volumes. Nouveau dictionnaire encyclopédique, publié sous la direction de Claude Augé, Paris 1922, S. 441 (Ornements).

Montalvo, Martín; Francisco, Javier: Los Jarros de Pico del Instituto de Valencia de Don Juan. In: Goya, Revista de arte, No. 276, 2000, S. 167-175, insb. S. 167, Abb. 1 (zum „Jarro de Pico“ aus Sevilla evtl. von Pedro de Zubieta?).

Oman, Charles (Hrsg): The Golden Age of Hispanic Silver 1400-1665. (Victoria and Albert Museum), London 1968, S. xxiii-xxvi (zur Spanischen Renaissance und zur Toledoer Goldschmiedekunst), S. xxviii-xxx (zum Stil Philipp II.) sowie zu den kastilischen Silbermarken (xxxi-xxxiii), Fig. 224, Cat. No. 127, 128 (Vergleichsobjekte), Fig. 265, 266 (zur Toledoer Truhe).