Ein exquisites Paar Barockbecher mit gravierten Allegorien der Vier Jahreszeiten, Silber, teilweise vergoldet

Objektnummer: #266

Augsburg 1699/1703

Johann Conrad Treffler

Detaillierte Informationen

Ein exquisites Paar Barockbecher mit gravierten Allegorien der Vier Jahreszeiten, Silber, teilweise vergoldet

Beschauzeichen: ein „Pyr“ für Augsburg, 1699/1703 (Seling 2007 Nr. 1210)

Meisterzeichen: “COT” for Johann Conrad Treffler (Seling 2007, Nr. 1794)

Höhe: 9 cm (3,5 in.); Gewicht: 291,5 gr

Das vorliegende Paar Becher zeigt herausragende Gravuren von vier Göttern, die eine allegorische Darstellung der Vier Jahreszeiten bilden. Die Gravuren sowie die Gesamtherstellungsweise der Becher zeugen von einer sicheren und qualitativ hochwertigen Ausführung.

Die vier Jahreszeiten werden als Paare je auf einem Becher gezeigt. Auf dem einen Becher werden Bacchus und Ceres dargestellt. Auf der einen Seite sitzt Ceres, die Ihre Attribute hält: eine Sichel und ein Ährenbündel. Ceres dient hier als Repräsentation des Sommers. Bacchus auf einer Tonne mit einer Tazza und Weintrauben gilt als Allegorie des Herbstes. Auf dem zweiten Becher, Diana/Luna mit einem Deckmantel, einem Bogen und einem Hund als Begleiter dient als Allegorie für den Winter. Auf der anderen Seite des Bechers wird Flora, die Blumen hält, dargestellt. Sie ist eine Repräsentation des Frühlings. Jede der vier Kartuschen mit den allegorischen Darstellungen ist von wunderbaren, gravierten Blumen und Früchten umgebend.  Die Marken sind auf dem Boden angebracht. Die Becher sind innen vergoldet und haben auf der Außenseite zwei vergoldete Ringe.

Die Vier Jahreszeiten

Die Ikonographie der Vier Jahreszeiten hat in der bildenden Kunst eine lange Präsenz. Meist als vierteiliger Zyklus angelegt, symbolisiert die Abfolge von Frühling, Sommer, Herbst und Winter die Nährmutter Erde, der Topos der Fülle und letztendlich den ewigen Kreislauf der Natur: Werden und Vergehen, Wachsen und Reifen, Vergänglichkeit und Erneuerung. Der Wechsel der Vier Jahreszeiten wurde zum Symbol der Zeit und der Vergänglichkeit.

Seit der römischen Zeit waren es vier Jahreszeiten: Ver, Aestas, Autumnusund Hiems. Diese Reihe legt dann auch den deutschen Vorstellungen von Frühling, Sommer, Herbst und Winter zugrunde (Lauffer 1953: 254). Oft wird dieser Reihenfolge mit den Elementen Luft, Feuer, Wasser und Erde verbunden (Lauffer 1953: 255). Auf spätantiken Sarkophagen und in frühchristlicher Katakombenmalerei sind Personifikationen der Jahreszeiten ein gängiges Bildmotiv, oft in Verbindung mit Früchten, Tieren und Eroten.

Erst Peter Breughel d. Ä. (1525/30-1569) setzte die Darstellung von jahreszeitlichen Landschaften um (1565), indem er als erster den Frühling, den Sommer, den Herbst und den Winter in ihrer Naturerscheinung charakterisierte. Cesare Ripa in seiner Iconologiabeschreibt auch die Jahreszeiten (Ripa 1613: 260-4/T. II) sowie die zwölf Monate des Jahres. Im 16. und 17. Jahrhundert gab es häufig Jahreszeitendarstellungen in der Tafel- und Wandmalerei Italiens, vor allem von Guilio Romano (c. 1499-1546) und Paolo Veronese (1528-1588). Der französische, italienische und niederländische Manierismus fand viel Freude an der überreichen und zugleich allegorischen Darstellung der Jahreszeiten (s. z.B. Werke von Étienne Delaune, Giuseppe Arcimboldo, Paul Bril, Hendrick Goltzius). Eine der berühmtesten Jahreszeiten-Folgen schuf Nicolas Poussin während seiner letzten Lebensjahre (1660/64) (heute im Louvre, Paris).

Im Jahr 1690 veröffentlichte Johann Ulrich Krauß (1655-1719) in Augsburg ein Buch, welches zeigte die Gobelingewebe von Charles le Brun entworfen für den König. Dieses Buch stellt dar die Vier Elemente und die Vier Jahreszeiten sowie Ihre Attribute und Maxime. Während des 17. Jahrhunderts treten allegorische Darstellungen oft auf.

Das Kunsthandwerk hat sich diesen allegorischen Darstellungen angeeignet. Einige hervorragende Beispiele vom deutschen Silber, wie einen Liquor Service von Elias Adam in The Metropolitan Museumzeugen davon. Ein Paar Schraubflaschen mit Email Dekor und Darstellungen des Bacchus, Ceres und andere allegorischer Figuren im Germanischen Nationalmuseum(vgl. auch Wenzel Jamnitzer und die Nürnberger Goldschmiedekunst 1500-1700, Farbabb.. 18 und Kat. Nr. 165-166, S. 294) bieten ein weiteres Vergleichsbeispiel eines Paares aus der gleichen Zeit. Das hier analysierte Becherpaar bietet ein weiteres Beispiel an.

Ceres als Sommer

Die Göttin Ceres auf dem ersten Becher symbolisiert den Sommer. Die junge Ceres sitzt bei einem Baum und hält eine Sichel auf der linken Hand und ein Ährenbündel auf der rechten. Neben Ihr liegen gebundene Bündel und hinter ihr ist ein Ährenfeld. Schließlich trägt sie einen Maiskranz auf ihrem Kopf. Ceres – genauso wie die anderen weiblichen Figuren dieses Becherpaares – trägt ein langes, reich drapiertes Sommerkleid und Sandalen.

Seit der Renaissance kommt Ceres in allegorischen Darstellungen der Fülle und Fruchtbarkeit vor. In Zyklen der Vier Jahreszeiten wird sie hauptsächlich als Personifikation des Sommers dargestellt. In dieser Funktion hält sie eine Sichel und Ähren.

Wenn Ceres mit anderen Göttern dargestellt wird, dann ist sie neben Apollo und häufiger neben Bacchus zu sehen. Ceres und Bacchus bilden ein ikonografisches Paar, dass seine Herkunft in den Antiken findet. Der römische Komödiendichter Terenz (c. 195/185-c. 159 v. Chr.) hatte in seiner Komödie Eunuchusfolgenden Spruch verwendet: „Sine Cerere et Baccho friget Venus’” oder “Sine Cerere et Libero friget Venus”. Dieser Spruch war wahrscheinlich von seinen Zeitgenossen schon bekannt und bedeutet figurativ, dass die Liebe Essen und Trinken zum Blühen braucht.

Das Thema von Bacchus und Ceres, die von Amor begleitet werden, wurde sehr beliebt in Nordeuropa und insbesondere von Künstlern des Manierismus im Hof von Kaiser Rudolf II. (1552-1612) in Prag. Ein der frühesten malerischen Beispiele von Bacchus-Ceres-Paar hat Hans van Aachen in seinem Gemälde Bacchus. Ceres und Amor,1595/1605, heute im Kunsthistorischen Museum Wien, dargestellt. Die Tatsache, dass Ceres auf diesem Becher neben Bacchus dargestellt wird, ist es aller Wahrscheinlichkeiten mit dem Auftraggeber dieses Becherpaares zu sehen.

Interessanterweise ist die Kombinierung von Bacchus und Ceres in den Werken von Niederländischen Künstlern des 17. Jahrhunderts mit einer Propaganda für Bier verbunden. Diese wurde von Bierbrauern aus Haarlem betrieben (s. dazu Santos, 2012).

Eine Gravur des Niederländers Frederik Bouttats der Äl. (innerhalb seines Albums mit naturgeschichtlichen Gravuren, heute im Rijksmuseum) zeigt eine Allegorie der Vier Jahreszeiten ca. 1670 hergestellt. Diese stellt einen halb-nackten jungen Bacchus, eine Ceres und eine Flora dar. Diese drei Götter sind sehr ähnlich zu den drei Figuren auf diesem Becherpaar.

Bacchus als Herbst

Das Pendant von Ceres ist Bacchus, der den Herbst symbolisiert. Der junge Bacchus sitzt auf einer Tonne und hat beide seine Arme ausgestreckt. Auf seiner rechten Hand hält er eine Tazza und auf seiner linken, Weinreben. Der Gott ist nicht ganz nackt, sondern ein Teil seines Körpers – insbesondere seine Genitalien – ist mit Weinblättern und Weinreben bedeckt. Sein Haupt trägt einen Weinrebenkranz. Im Hintergrund eine bergige Landschaft, Weintrauben und neben Bacchus einen Topf mit Weintrauben und Weinblättern.

Die allegorischen Darstellungen des Bacchus haben eine erhebliche Entwicklung seit der Renaissance kennengelernt. Vor allem während des 16. Jahrhunderts war der Weingott in Allegorien der Vier Jahreszeiten und in Monatsbildern sehr oft anwesend. Eine relativ beliebte Darstellung des Gottes in Europa war diese wo Bacchus auf einer Tonne sitzt oder neben eine solche ist. In Süddeutschland so wie in Nordeuropa gibt es zahlreiche solche Abbildungen des Bacchus. Als Beispiele seien hier erwähnt der Bacchus von Gabriel Weyer in Ebrach, Bambergaber auch eine Gravur aus Augsburg von J. C. Guttwein (Stecher) und Jean de la Mouce.

Diana als Winter

Auf dem zweiten Becher ist das Paar Diana / Flora, Winter / Frühling dargestellt. Diana, die römische Göttin von Frauen, ist seit der römischen Zeit mit der griechischen Göttin der Jagd, der Tiere und der Wälder Artemis (Άρτεμις) identifiziert. Auf dem Becher wird Diana sitzend dargestellt und – wie die anderen weiblichen Figuren des Vier Jahreszeiten Zyklus – mit langem, reich drapierten Kleid angezogen. Sie ist im Übrigen durch ihre gewöhnlichen Attribute zu erkennen: Pfeil und Bogen. Auf ihrer rechten Seite sitzt einen Hund – häufige Begleiter der Göttin. Diana trägt außerdem einen Halb-Mond, Attribut, dass die Göttin zur Luna und anschließend zur Nacht verbindet.

Seit der Renaissance gilt Diana als ein Symbol für die weibliche Keuschheit. Repräsentationen von der Göttin in Deutschland und Nordeuropa vermehren sich in der Zeit des Barocks. Während des 17. Jahrhunderts war im Kunsthandwerkbereich in Süddeutschland (hauptsächlich in Augsburg) verbreitet, Diana sitzend auf einem Hirsch darzustellen.

Diana fand darüber hinaus zusammen mit Bacchus und Flora einen Platz in malerischen Darstellungen, die einen Bezug auf Venus hatten. Gemälde aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts bieten Hinweise, dass solche Kompositionen mit diesen Göttern häufig und verbreitet in Süddeutschland waren. Zwei Gemälde von Anton Kern (1710-1747) im Germanischen Nationalmuseum Nürnbergbieten ein gutes Beispiel dafür.

Die Tatsache, dass Diana auf dem vorliegenden Becher auch mit Luna identifiziert ist, nimmt direkten Bezug auf die dargestellte Jahreszeit, nämlich Winter. Winter ist die Saison mit den längsten dunklen Stunden pro Tag.

Andere bekannte allegorische Darstellungen von Winter als Frau aus dem 17. Jahrhundert sind diese von Wenceslaus (Wenzel) Hollar, in The Metropolitan Museumund andere Museen. Niederländische Künstler haben ebenfalls allegorische Repräsentationen des Winters als Frau hergestellt.

Flora als Frühling  

Flora ist in einem langen Kleid gekleidet und hält Rosen sowie einen Topf mit Blumen in ihrer rechten Hand. Sie ist darüber hinaus gekränzt mit Rosen. Die Landschaft um die Göttin herum ist relativ einfach: Einige Berge auf Floras rechter Seite und einen Topf mit einem Baum auf ihrer linken.

Flora, Latein für das Griechische Chloris (Χλωρίς), stand in der römischen Zeit für das Blühen. In der frühen Neuzeit und vor allem seit dem 15. Jahrhundert wurde Flora als eine allegorische Figur für den Frühling verwendet. Dabei wurde sie oft als eine junge, schöne Frau abgebildet, die umgebend von Blumen ist und einen Blumenkranz trägt. In den europäischen Höfen war Flora eine beliebte Figur in den Künsten. Gleichzeitig liessen sich viele Damen der vornehmen Gesellschaft als Flora portraitieren (s. z.B. Minette, die Nichte von Louis XVI als Flora in einem Gruppenportrait der königlichen Familie von Jean Nocret 1670 gemalt).

Der Maler Gabriel Meyer  (1576-1632) aus Süddeutschland hat Flora innerhalb einer Reihe mit Repräsentationen der Vier Jahreszeiten gemallt (s. eine Zeichnung von ihm in der Universitätsbibliothek, Würzburg). Niederländische Maler des Manierismus, wie beispielsweise Abraham Bloemaert (1566-1651), haben auch Flora oft gemalt. Ein Grafikwerk Flora darstellend von Bloemaert – in dem Museum Boijmans Van Beuningen– zeigt viele ähnliche Elemente zu der Göttin auf dem vorliegenden Becher.

Meister

Johann Conrad Treffler wurde um 1648 geboren und um 1682 Meister. Er ist 1716 gestorben. Er war spezialisiert in Objekten aus Silber, die sehr detailreichen Gravuren als Dekor aufzeigten. Viele Gefäße von ihm sind mit Landschaften dekoriert. Eine seiner Dosen ist im Historischen Museum Moskau erhalten.

Literatur

Leopold Ettlinger, Ceres, in: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte, Bd. III (1952), Sp. 397–403; in: RDK Labor, URL: <http://www.rdklabor.de/w/?oldid=88925> [15.05.2018].

Lauffer, Otto, ‚Allegorie der Begriffe der Zeit, des Jahres und der Jahreszeiten, der Monate und der Tageszeiten’ In: Beiträge zur sprachlichen Volksüberlieferung, Berlin: Akademie Verlag, 1953, p. 250-9.

Ripa, Cesare, Iconologia Di Cesare Ripa Pervgino Cav. Re De’S.ti Mavrition, E. Lazzaro Nella Quale Si Descrivono Diverse Imagini di Virtù, Vitig, Affetti, Passioni humane, Arti, Discipline, Humori, Elementi, Corpi Celesti, Prouincie d’Italia, Fiumi, Tutte le parti di Mondo, ed altre infinite materie. Opera utile ad oratori, predicatori, poeti, pittori, scultori, T. I-II, Siena: Matteo Florimi, 1613 Santos, R. de Mambro, “The Beer of Bacchus. Visual Strategies and Moral Values in Hendrick Goltzius’ Representations of Sine Cerere et Libero Friget Venus”, in Emblemi in Olanda e Italia tra XVI e XVII secolo, ed. E. Canone and L. Spruit, 2012, Olschki Editore, Florence (online hier) (zuletzt aufgerufen: 15. Mai 2018).

Sauerländer, Willibald, ‘Die Jahreszeiten: ein Beitrag zur allegorischen Landschaft beim späten Poussin’ In: Münchner Jahrbuch der bildenden Kunst, 1956, p. 169-184.